Sechs archetypische Emotionskurven für deine Story

Glaubst du eher wissenschaftlichen Daten oder einem Roman-Autor? Das ist in diesem Fall egal. Fest steht, dass es  sechs archetyptische Emotionskurven für Stories gibt. Zuerst aufgezählt hat diese in den 40er Jahren der Autor Kurt Vonnegut in seiner (damals abgelehnten) Masterarbeit für Anthropologie. Teilweise bestätigt und ergänzt hat diese Emotionskurven jetzt ein Team von Mathematikern zweier US-Universitäten. Die Wissenschaftler ließen ihren Computer 1.300 Bücher aus dem Project Gutenberg nach den emotionalen Spannungsbögen analysieren.

Die Heldenreise? Das klassische Drama?

Aschenputtel, Cinderella oder eine Werbe-Story? Funktioniert vielleicht alles ähnlich... (Foto: Fotolia | tverdohlib)

Aschenputtel, Cinderella oder eine Content Marketing Story? Alles funktioniert mit ähnlichen Emotionskurven (Foto: Fotolia | tverdohlib)

Und nein, es geht hierbei NICHT um die Heldenreise und das Klassische Drama. Damit werden die Teilnehmer von Storytelling-Seminaren regelmäßig  verunsichert –  denn beide Vorlagen würden immer eine tolle „Story“ garantieren. Das ist nicht falsch, aber die Heldenreise ist nun mal wahnsinnig komplex und wie willst du 12 oder 16 Stationen in eine Facebook-Story verpacken? Ein klassisches Drama hat zwar nur fünf „Stationen“ –  doch darunter „Katastrophe“ und „Verlangsamung“. Das macht in unserer klicki-bunti E-Commerce-Zeit nun mal erhebliche Schwierigkeiten.

Deshalb bauen die frisch gebackenen Storyteller nach einer ersten Verzweiflung ihre Geschichten irgendwie anders auf. Und haben recht damit, wie zum Glück nun endlich mathematisch nachgewiesen wurde. Hurra!

Spannungsbogen vs. Emotionskurve

Wir müssen zuvor noch etwas Begriffliches klären: Reden wir hier von Spannungskurven bzw. -bögen oder Emotionskurven bzw. -bögen? Das ist in der Tat ein Unterschied: Die Spannung ist etwas, das den Leser bewegt, weiter zu lesen. Wenn die Spannung besonders hoch ist, dann wird er den Film nicht ausschalten oder das Buch nicht zur Seite legen. Egal, ob es dem Protagonisten gerade „gut“ oder „schlecht“ geht. Das kann zwar zusammen hängen – denn die Spannung wird noch sonderlich hoch sein, wenn der Held gerade entspannt und fröhlich ist – aber es gibt auch Ausnahmen.

Zum Beispiel bei Romeo und Julia ist am Ende die Spannung besonders hoch, wenn es um Tod  und Leben geht. Die beiden Protagonisten sind aber emotional eindeutig am A…. Ihre Emotionskurven sind also im Keller. In einem anderen Stück könnte es dem Protagonisten gerade großartig gehen – und der Leser verspürt auch große Spannung, weil die Gefahr des Totalverlustes anmarschiert. Du weißt, was ich meine?

Nun ja, diese Unterscheidung klingt vielleicht nach Erbsenzählerei. Aber versuche doch mal, diesen Unterschied zu durchdenken. Das bringt dir beim Aufbau deiner Story mit Sicherheit einige Möglichkeiten mehr und vielleicht sogar Tiefe.

Die sechs Emotionskurven für deine Story

Gut zu erkennen, wie die untersuchten Bücher sechs ziemlich ähnlichen Kurven folgen (Foto: „Emotional Arcs ofstories are dominated by six basic shapes„)

In der Tat haben die Mathematiker einige der Vonnegut-Stories bestätigt. Der Autor hatte nicht nur mit „Auf“ und „Ab“ sondern auch mit Inhalten argumentiert. Trotzdem lässt sich das gut miteinander verbinden. Hier ein Kompromissvorschlag:

1. Von unten nach oben / Schöpfungsgeschichten

Alice im Wunderland landet ganz unten und arbeitet sich nach oben. Auch die Schöpfungsgeschichten vieler Kulturen folgen laut Vonnegut diesem Spannungsbogen. Und natürlich ist das eine ideale Emotionskurve (oder -Gerade) für Erfolgsstories. Doch Vorsicht: Es ist die Geschichte von Hoffnung und Gerechtigkeit, in der sich ein Held durch Widrigkeiten zum Glück durchkämpft. Es lohnt sich, von Anfang klar zu machen, dass das die Story nicht wirklich gut ausgehen könnte und der Weg nach oben eher unwahrschenilich. Dieses mögliche Scheitern sollte in jedem Absatz mitschwingen.

2. Von oben nach unten

Erinnert ihr euch noch an „Romeo und Julia“? Schlimmer kann eine Geschichte ja wohl nicht ausgehen. Da sind wir übrigens doch im Klassischen Drama. Nur dass die beiden Liebenden offenbar die Hoffnung hatten, aus ihrer Haut und in eine bessere Welt zu kommen. Wie wir wissen, war ihnen das am Ende nicht vergönnt. Damit will ich sagen: Auch hier sollte zumindest immer die gegenläufige Entwicklung – also Hoffnung – mitschwingen. Sonst wird es langweilig, jemandem beim sicheren Absturz zuzuschauen.

3. Das Tal der Tränen / der Mann im Loch

Ein Mann (so, Vonnegut) gerät in große Schwierigkeiten, kämpft sich wieder heraus und steht nachher besser da als zuvor. Ach, das kennen wir, gell? Und natürlich ist das ein Teil einer Heldenreise und auch eines Klassischen Dramas. Nur eben kürzer und einfacher strukturiert. Gerade so, dass man damit auch im Jahr 2017 etwas anfangen kann. Für den Verlauf der Geschichte ist natürlich entscheidend, ob der Mensch durch eigenes oder fremdes Verschulden in die Krise gerät. Beides gibt großartige Möglichkeiten für einen schönen Plot. Nach Vonnegut ist das auch übringes der Plot für die klassische „Boy-meets-Girl“-Geschichte. Allerdings müssen sich die beiden auch zunächst einmal kennen lernen – und dabei geht erst ein bisschen bergauf.

4. Ikarus / das Alte Testament

Alles läuft gut, es geht emotional, wirtschaftlich oder sonstwie gut bergauf. Und – zack – kommt der Protagonist der Sonne zu nahe und stürzt ab. Meist natürlich tiefer als er zu Beginn gestanden hat. Denken wir (alttestamentarisch) an die Geschichte von Adam und Eva: Bei bei denen lief es zunächst ganz gut. Bis… Übrigens ist das der emotionale Verlauf, mit dem du unbedingt kokettieren musst, wenn du die positive Geschichte „Von unten nach oben“ erzählst. Denn hier passiert dann wirklich der Absturz, der unter 1. stets befürchtet wird.

5. Aschenputtel

Jetzt wird es märchenhaft: Wenn nach Aufstieg und Niedergang dann doch ein gutes Ende kommt, sitzen die Zuhörer und Zuschauer mit glücklichem Gesicht und vielleicht mit Tränen in den Augen da und freuen sich doppelt. So wie am Ende der Geschichte vom Aschenputtel (für junge Menschen: „Cinderella“), die nach einer Glückssträne ihrem schweren Leben entkommt, dann aber jäh zurück fällt – und am Ende doch den Prinzen heiratet. Das einzge Problem: Es braucht ein bisschen Zeit, die Geschichte zu entwickeln.

6. Ödipus

Herrje! Das ist das fiese Gegenstück zum Aschenputtel: Erst runter, dann wieder rauf – und am Schluss dann doch wieder das bittere Ende. Das erinnert dich vermutlich auch an das Klassische Drama – zu recht. Und nicht umsonst sind fast ein Drittel aller analysierten Bücher diesem bitteren Spannungsbogen gefolgt. Neben Ikarus (auch mit schlechtem Ausgang) war das somit die beliebteste Emotionskurve. Aber das ist auch kein Wunder: In der klassischen Literatur war ein Happy End gar nicht so beliebt. Wirkliche Literatur beschäftigt sich offenbar mit den Tiefen der Menschen und endet nicht mit einem Lächeln.

Und welche Emotionskurve für welche Story?

Ich denke, das ist klargeworden: Wenn du eine fröhliche E-Commerce-Kampagne starten willst, ist das „Tal der Tränen“ gerade noch akzeptabel – aber eigentlich soll es wohl immer nur bergauf gehen. Und für so viel Komplexität wie für die Aschenputtel-Story notwendig ist, bleibt sowieso die Zeit oder Aufmerksamkeit nicht. Richtig? Ich finde das sehr, sehr schade. Denn dadurch laufen wir Gefahr irnlos durch die Welt zu tapsen, weil wir die schlimmen Seiten unseres Lebens nicht betrachten. Aber das ist vermutlich wieder eine ganz andere Geschichte. 😉

Über uns Eric Kubitz

Eric Kubitz ist einer der beiden Gründer der CONTENTmanufaktur GmbH, gelernter Journalist und begeisterter Autor. In letzter Zeit beschäftigt er sich auch mit Inhalten, die zwischen den Zeilen stehen.

2 Kommentare

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