Facebook und Twitter binden Aufmerksamkeit und Sendungsbewußtsein und die traditionelle  Presselandschaft versinkt langsam im digitalen Hochwasser. Da frage ich mich: Wie geht es eigentlich der Blogosphäre? Welche Zukunft hat heute die „Beitragsart“ Blog? Aus Sicht von Google jedenfalls keine große.

Die guten, alten Blogs: tendenz, unübersehbar, talwärts.

Die guten, alten Blogs: tendenz, unübersehbar, talwärts.

Die Zahlen sind ernüchternd. Schaut man sich die Traffic-Zahlen der, äh, „guten, alten“ Blogs an, steht es gar nicht gut um das Medium „Blog“. Irgendwie scheint vor allem in der zweiten Hälfte 2012 eine Depression eingesetzt zu haben – mit Ausnahme von stefan-niggemeier.de. Der kann über Besucherschwund nicht klagen.

Doch Alexa-Zahlen sind natürlich US-geprägt und irgendwie sowieso nicht wirklich belastbar. Leider gibt es aber keine bessern Traffic-Zahlen, denn Google hat diese Funktion in seinen Trends ausgeschaltet und eine IVW-Prüfung ist nicht gerade üblich in der Blogger-Szene. Doch schauen wir mal auf andere Daten: die Sichtbarkeit von Blogs in den Google Suchergebnissen. Und da sieht es so aus:

visibility-blogsHier die Sichtbarkeit von netzwertig.com, netzpolitik.org, basicthinking.de und bildblog. Weiter unten lawblog.de, stefan-niggemeier.de, carta.info und spreeblick. Grob kan man sagen: Bis auf zeitweilige Ausrutscher nach oben, sinkt die Sichtbarkeit aller großen Blogs der verschiedensten Themen und Bauarten.

blogsWarum ist das so? Ich kann nur raten, aber Gründe fallen mir eine ganze Menge ein:

  • Müdigkeit der „alten“ Blogger. Aber, hüstel, wo sind die jungen?
  • Blogger wie Markus Beckdahl haben längst Twitter & Co als schnelleres und einfacher zu bestückendes Medium entdeckt. Und wer zwanzig Tweets pro Tag schreibt, hat am Ende keine Lust mehr, einen Blogeintrag zu schreiben. Verständlich.
  • Die Nachrichtenmagazine sind endlich aufgewacht. Eine SZ oder sogar eine FAZ versteht die digitalen Bedürfnisse ihrer Leser besser als vor zwei Jahren. Und so „fliehen“ diese nicht mehr in die Blogosphäre. Außerdem bindet ein Spiegel Online einen Blogger wie Sascha Lobo natürlich gerne und intensiv an sich. Man kann auch etwa an rivva.de sehen: Wo früher (fast) nur Blogs aufgelistet waren, stehen jetzt Zeit Online, ntv u.s.w..
  • Das Geschäftsmodell „Blog“ funktioniert nicht. Während mancher noch vor wenigen Jahren gehofft hat, mit Blogs auch Geld verdienen zu können, sind all diese Hoffnungen verklungen. Blogs werden geschrieben aus Passion, um Reichweite zu erlangen, sie werden quersubventioniert durch z.B. Agenturleistungen oder dienen schlicht der Eigenwerbung. Aber keiner macht mehr einen Blog, weil man damit (z.B. durch Werbung oder einem Bezahlmodell) Geld verdienen kann. Passion und Eigenwerbung haben aber irgendwann auch ihre Motivations-Grenzen…

Man kann das alles bedauern: Ein ordentlicher Blogbeitrag ist mir schließlich immer noch lieber als zwanzig Tweets. Aber man muss das nicht bedauern: Ich hänge (trotz und gerade wegen des aktuellen Streits von Stefan Plöchinger und Meedia) immer noch der Meinung an, dass Journalisten einiges können, was Blogger erst noch lernen müssen (etwa Recherche und Leserführung). Und nicht alle Blogger sind bereit, das zu lernen. Andererseits ist es super, wenn jemand, der das kann, das in einem Blog tut oder woanders (siehe Stefan Niggemeier). Egal, darum soll es jetzt nicht gehen.

Vielleicht der wichtigste Grund für die Blogkrise dürfte Google sein

Einen Punkt habe ich mir aufgespart: Google. Ist es euch aufgefallen? Zwischen der Alexa-Kurve und der versenkten Sichtbarkeit ist ein recht großes Delta: Der Besucherstrom ist nicht so stark eingebrochen wie die Präsenz der Blogs auf Google.

Während ein Blog vor zwei Jahren noch so etwas wie eine Garantie auf gute Suchergebnisse war, ist das heute nicht mehr der Fall. Im Gegenteil: Zwar gibt es eine Menge „normaler“ Webseiten, die auf dem Blog-System WordPress aufsetzen, aber die ganze interne Linkstruktur und die teilweise etwas unklare Fokussierung von Blogbeiträgen scheinen Google nicht mehr sonderlich zu begeistern. In der SEO-Szene sieht das in Sachen Sichtbarkeit sogar so aus:

s-blogs

Natürlich: Die Suchmaschinenoptimierer-Ecke ist für Google ohnehin ein rotes Tuch. Aber ich denke, hier kommen zwei Dinge zusammen. Einmal das SEO-Umfeld und zum anderen das Thema „Blog“.

Doch was sollte Google denn gegen Blogs haben? Nun, da fallen mir auch drei Dinge ein:

  • Eben WEIL Blogs immer super als SEO-Maßnahme funktioniert haben, ist WordPress zum Liebling aller ehrlicher und auch nicht so ehrlicher Optimierer geworden. Zum Beispiel die seo-optimale interne Verlinkung über Tag-Seiten, die Speaking-URLs, das meist sehr klare HTML waren die Nasenlänge, die ein Blog immer eine „traditionellen“ Seite voraus war. Doch solche Vorteile, wie etwa einfache Tag-Clouds und Blogrolls, wurden gerne auch übertrieben – und damit schnell zum Signal zur Abwertung in den Suchergebnissen.
  • Die anderen Systeme haben ordentlich aufgeholt. Selbst die ganz großen Content Management Systeme können nun endlich mit ordentlichen HTML-Seiten und einer vernünftigen internen Verwaltung der Inhalte aufwarten. Die Techniker, die dort sitzen, haben nun ihre Systeme im Griff. Das war nicht immer so…
  • Google will keine Blogs sondern Google+: Dem Suchkonzern zu unterstellen, er würde versuchen, die Blogger in sein soziales Netz zu schubsen, würde bedeuten, Google als das zu sehen, was Google ist: Eine Aktiengesellschaft, die zum Nutzen ihrer Aktionäre arbeitet und nicht zum Wohle der Weltgemeinschaft. Jedenfalls ist uns ja allen schon aufgefallen, dass Google+ viel publizierungs-stärker ist als Facebook und Twitter. Darin können richtige Beiträge gebaut und zielgenau veröffentlicht werden. Eine API dagegen, um automatisch Blogbeiträge per RSS-Feed dort hinein zu pumpen (wie es das für Facebook und Twitter seit Jahren gibt) fehlt allerdings. Könnte das Strategie sein? Oder wirkt das nur zufällig so?

Man muss Google hier nichts Böses unterstellen – aber die Suchwelt ist begrenzt, während die Gewinnerwartungen der Analysten an Google offensichtlich keine Grenzen kennen. DAS ist bedenklich.

Und trotzdem: Blogs sind nicht tot!

Nein! Blogs sind alles andere als tot. Ich spüre das gerade hier auf dem neuen Contentman. Wie meist bei nigelnagelneuen Seiten gibt ohnehin keinen Traffic von Google – aber von anderer Seite: Nämlich vor allem durch die Social Networks. Allen voran übrigens Google+, da der Google+ Guide für Autoren gerne gelesen wird:

contentman.de: Reichlich Traffic für eine neue Seite - aber nix von Google.

contentman.de: Reichlich Traffic für eine neue Seite – aber nix von Google.

Also: Es gibt vermutlich viele Gründe, warum die Blogs in einer Krise stecken und Google ist sicherlich einer davon.  Aber vielleicht ist diese Kriese eher eine gesunde Konsolidierung auf dem Weg zur Normalisierung. Und möglicherweise brauchen Blogs die Suchmaschine auch nicht mehr so sehr wie früher.  Ätsch 😉

Wir werden sehen…

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