auge hirnLeser sollen unsere Texte bequem lesen UND verstehen können. Das ist unser Ziel als Autor. Doch manchmal sind die Augen schneller als das Gehirn und der User stolpert. Unsere Aufgabe ist also, unseren Content so aufzubereiten, dass beide Geschwindigkeiten synchronisiert werden. Doch da stehen wir uns häufig selbst im Weg. 

Die Augen lesen, das Hirn bleibt hängen

Ein Beispiel: Bitte lest den folgenden Text von Christoph Kappes auf Carta.info einmal (!) durch:

Bitte nur einmal lesen! Und verstanden?

Bitte nur einmal lesen! Und verstanden?

Das soll jetzt keine Kritik an dem Text sein. Ich finde, in einem wirklich empfehlenswerten Blog wie Carta.info darf man schon auch einen Absatz zweimal lesen müssen. Ich habe nur ein gutes Beispiel gebraucht und habe dann heute morgen dieses im Feedreader gefunden…

Was ist hier passiert? Egal, ob Headline, Vorspann oder Lauftext: Das Gehirn wird den Augen immer hinterher rennen. Die Informations-Fülle wird hier gepaart mit einer Begeisterung für die geschwungene Formulierung (warum an der „Elle der Massenmedien“ und nicht einfach an den „Massenmedien“ messen?) und kann nur nüchtern, mit höchster Konztentration und durch mehrmaliges Lesen bewältigt werden. Jedenfalls geht es mir so. Ich befürchte natürlich, es werden sich Kommentatoren melden, die das ganz anders sehen. Es kommt also auf Dein Urteil an, lieber Leser.

Meine Meinung: Diese Zeilen sind zu vollgepackt. Auch mit Behauptungen, die man akzeptieren kann – aber nicht muss. Das lenkt ab. Während wir also über die Behauptung grübeln, ob Blogs ein Spezialfall der Social Media Kommunikation („Social Media“?) sind wo sie doch vor Facebook und Twitter da waren, lesen unsere Augen über so schwierige Worte wie „klassisches publizistisches Instrument der Gegenöffentlichkeit“.

Selbst wenn das alles noch im Gehirn-RAM Platz findet: Denken wir nun darüber nach? Versuchen wir zu verstehen, was Herr Kappes da gesagt hat? Nein, die Augen lesen weiter und stürzen uns in einen Satz mit zwei Abkürzungen, zwei Klammern, einer Aufzählung und 36 Wörtern. Wie gesagt: Herr Kappes, das ist nicht böse gemeint, ich verstehe, dass man bei manchen Themen nicht unterkomplex daher kommen möchte. Ich brauche das hier nur als Beispiel…

Ein weiteres Beispiel, diesmal aus der Lokalpresse:

Der Redakteur hat es woh ein wenig zu gut gemeint...

Der Redakteur hat es woh ein wenig zu gut gemeint…

Da saß also der Bad Tölzer Redakteur vor einem Polizeibericht und wollte daraus eine möglichst gute Meldung bauen. Meldungen enthalten bekanntlich möglichst viele Informationen und diese stehen nach guter, alter Bleisatz-Regel ganz am Anfang. Deshalb erfahren wir im ersten Satz zum Beispiel, dass ein unbewohntes Haus überfallen und darin Schmuck und Münzen erbeutet wurden. Allerdings beginnen wir nun, darüber nachzudenken, warum in einem unbewohnten Haus Münzen herum liegen. Unser Hirn ist beschäftigt. Nur: Halten auch unserer Augen inne? Nein, sie lesen weiter und weiter und weiter – aber wir verstehen nicht mehr, was sie lesen.

Natürlich: Ein bisschen Multitasking können wir alle, und werden durch diese Meldung informiert hindurch kommen. Der Redakteur hat es ja auch gut mit uns gemeint. Vermutlich steht im Polizeibericht ohnehin nichts darüber, wieso in dem unbewohnten Haus Schmuck und Münzen herum liegen. Seine einzige Wahl wäre gewesen: Diese Information weg zu lassen, weil sie eine Frage aufwirft, die auch später nicht beantwortet wird. Doch dafür hätte ihn der CvD oder der Lokalchef vermutlich kritisiert. Deshalb auch hier keine Kritik. Nur ein Beispiel…

Wie man die beiden Geschwindigkeiten synchronisiert

Es gibt natürlich auch den Fall, dass sich das Gehirn unterfordert fühlt und die Augen gar nicht so schnell genug lesen zu können, um überhaupt Informationen aufzunehmen. Hierfür könnte wohl (fast) jeder Kategorie-Text eines Online-Shops als Beispiel dienen. Doch darum soll es nicht gehen.

Der weitaus interessantere Fall ist, wenn die Augen zu schnell für das Gehirn sind. Wir können den Leser ja nicht bitten, langsamer oder den Text zweimal zu lesen. Wir müssen dafür sorgen, dass die Daten-Bits in unserem Content so verteilt sind, dass sie das Hirn ein wenig kitzeln aber nicht überfordern. Und das geht vor allem durch Vermeidungen:

  • Klar formulieren: Keine unnötigen Wort- oder Formulierungs-Schnörkel. Zumindest sollte man sich darüber im Klaren sein, dass man mit seinen stolzen Wortspielereien und originellen Formulierungen das eigene Ego aber nicht das Verständnis des Lesers unterstützt.
  • Eindeutigkeit: Man sollte keine Fragen aufwerfen, die man nachher nicht beantwortet. Und wenn doch, dann wäre es höflich, den Leser darauf hinzuweisen. Man kann ja schreiben, dass die Polizei noch darüber rätselt, warum in einem unbewohnten Haus so etwas herum liegt.
  • Detail-Tiefe: Keine unnötigen Informationen, die nichts zur Geschichte beitragen. Im letzten Satz der Meldung oben steht, dass die Straße ostseitig liegt. Wir fangen sofort an, das auf einer Landkarte einzuordnen – vergebens. Denn was hat das mit der Geschichte zu tun?
  • Hauptsachen in Hauptsätze (und diese dann möglichst kurz). Die Nebensachen dürfen dann gerne in etwas längere Satzkonstruktionen.
  • Begriffsklarheit: Wer ein „Ding“ in einem Text mal als „Sache“ und mal als “ Gegenstand“ und schließlich als „Teil“ bezeichnet, wird jedes mal einen Suchvorgang im Hirn des Lesers auslösen und ihn ablenken. Deshalb sind Wortwiederholungen in Ordnung. Auch, wenn die Schönschreiber maulen.
  • Ausgewogene Informationsverteilung: Die Bleisatz-Mentalität, alles möglichst in den ersten Satz zu schreiben hat einen sinnvollen Kern. Denn nur wenn das Wichtigste (!) ganz am Anfang steht, wird auch ein hektischer Internet-Leser seinen Einstieg finden. Allerdings sollte man sehr genau prüfen, was „das Wichtigste“ ist.

Und: Sei dein bester Leser

Weiterhin helfen natürlich auch alle anderen Regeln, die aus Textbrei richtigen Content macht: Strukturierung des Textes, vernünftige Wortwahl und so weiter.

Eine der wichtigsten Hilfestellungen aber ist: selber laut lesen. Sobald das Sprachzentrum an der Lesearbeit beteiligt ist, meldet das Gehirn eine Überforderung sofort und stolpert. Wenn also gerade kein Korrektur-Leser in der Nähe ist – kannst du dir auch selbst ein wenig helfen.

Mehr lesen? Gerne:

Um unsere Webseite für Sie optimal zu gestalten und fortlaufend verbessern zu können, verwenden wir Cookies. Durch die weitere Nutzung der Webseite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen zu Cookies erhalten Sie in unserer Datenschutzerklärung Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen