Jetzt wird es philosophisch! Wer glaubt, nur der Buddhismus bringe Ruhe und Gelassenheit, hat noch nichts von “Stoizismus” gehört. So ging es mir jedenfalls. Heute würde ich sagen, für uns Westler haben Seneca & Co viel zu bieten. 

Sooooo groß sind wir Menschen ja gar nicht. Meinen jedenfalls die Stoiker… (Photo by Sam Goodgame on Unsplash

Ein Versuch, den Stoizismus in wenigen Worten zusammenzufassen

Der Stoiker sucht nach seinem Platz in der kosmologischen Weltordnung – und akzeptiert dabei, dass sich diese nicht um ihn dreht. Er übt sich in emotionaler Selbstbeherrschung, Gelassenheit, Seelenruhe und – vielleicht am wichtigsten – um Weisheit. Eine stoische Grundhaltung ist: Nimm hin, was du ohnehin nicht ändern kannst. 

Zur Übung lesen und reflektieren Stoiker zum Beispiel täglich ein Zitat der großen Vordenker Seneca, Epiktet oder Mark Aurel z.B. auf der Smartphone App “Pocketstoic” oder im Buch “Täglicher Stoiker”. Da steht dann:

Ziehe dich in dich selbst zurück, so viel du kannst; verkehre mit denen, die dich besser machen, und erstatte solchen den Zutritt, die du besser machen kannst.” 

Seneca

Der psychologische Effekt liegt auf der Hand: Während wir über ein riesiges, jahrtausendealtes westliches (!) Lehrgebäude nachdenken, können wir uns nicht gleichzeitig über den Kollegen erregen, der unser Snickers geklaut hat. Der Mensch wird besser, wenn er an das Große & Ganze denkt. Da ist wohl was dran. 

Noch ein Zitat, mit dem auch der Aktionswille der Stoiker verdeutlicht wird: 

Arbeit! Aber nicht wie ein Unglücklicher oder wie einer, der bewundert oder bemitleidet werden will. Arbeite oder ruhe, wie es das Beste für die Gemeinschaft ist.

Mark Aurel

Der Kern des Stoizismus als neue Lebensphilosophie ist vermutlich:

Unterscheide, was in deiner Kontrolle ist und was nicht

Auch ich hatte gedacht, ein guter Stoiker sitzt halt so rum und erträgt alles “stoisch”. Doch weit gefehlt: Mark Aurel hat schließlich ein ganzes Kaiserreich geführt – so einer ist voller Tatendrang. Doch diesen steckte er wohl eher in die Dinge, die er wirklich beeinflussen konnte. Vielleicht ein kaiserliches Erfolgsrezept?

Einen wichtigen Punkt solltest du im Auge behalten: Der Wert der Aufmerksamkeit variiert im Verhältnis zu seinem Zweck. Du bist besser dran, den kleinen Dingen nicht mehr Zeit zu geben, als sie es verdienen.

Mark Aurel

Na gut, was bringt das alles?

Es gibt einige „Techniken“, die von Selbstoptimierern im Stoizismus geschätzt werden. Hier eine kleine Übersicht (weiter unten Übungen mit Stift und Papier – schließlich sind wir hier ja beim Contentman!) 

  • Fokussiere dich auf die von dir direkt beeinflussbaren Faktoren. Das können deine Gedanken, deine Wünsche aber vor allem das sein, was du verändern willst. Nicht dazu gehört das Wetter oder eine Grippe, die du dir eingefangen hast. Aber ob du morgens aufstehst und etwas sinnvolles tust, das gehört schon dazu.
  • Nimm hin, was du nicht beeinflussen kannst. Alles Grübeln, Jammern und kämpfen bringt einfach nichts, wenn die Kälte mal wieder die Bahn eingefroren hat und du nicht zu deinem Termin kommst. So sehr du dich auch anstrengst: Du wirst den Zug nicht zum Fahren bringen. Also schau, was DU beeinflussen kannst. 
  • Dann gibt es Dinge, die wir nur wenig beeinflussen können, etwa unser Weiterkommen im Job. Ob die richtige Stelle gerade dann frei wird, wenn du dafür bereit bist, kannst du nicht beeinflussen. Und vermutlich auch nicht, ob dein Arbeitgeber wirklich so erfolgreich ist, dass sich deine Karriere dort lohnt. Aber du kannst „das Richtige“ tun, also deinen Job ordentlich und engagiert machen – und vielleicht den Arbeitgeber wechseln, wenn du einen besseren findest. 
  • Bereite dich auf Rückschläge vor: Im Gegensatz zur Think-Positiv-Fraktion, stellen sich die Stoiker gerne alles vor, das schief gehen kann. Es bringt ihnen Ruhe, wenn sie jede denkbare Verwicklung durchdacht und sich darauf eingestellt haben (dazu unten eine Übung). Man kann nun natürlich darüber streiten, ob solche negative Gedanken negative Entwicklungen „anziehen“. Ich denke, zumindest in einigen Situationen ist es gut, wenn man sich auf mögliche Rückschläge vorbereitet. 
  • Auch nach dem Versagen, ist ein gutes Leben möglich – wenn man akzeptiert, dass Scheitern dazu gehört. Ein Stoiker wird nicht verzweifeln, wenn er mal Mist gebaut hat. Er hat sich diese Möglichkeit ja zuvor visualisiert und kann dann das Beste aus dem Verbleibenden holen. Jedenfalls, wenn er es beeinflussen kann 😉 

All das ist natürlich nicht weit von vielen Achtsamkeits-Schulen entfernt. Im Grunde geht es beim Stoizismus wohl auch vor allem um den Abbau von Stress und Angst und eine möglichst realistische Sicht der Dinge. Die tiefen, theoretischen Fragen lassen die „neuen Stoiker“ natürlich außen vor. Im alten Griechenland ging es um lückenlose und logische Ketten, um Determinismus und vor allem sehr viel Zeit für die Literatur dahinter. Aber, nun. Das ist ja momentan nicht so unser Ding…  

4 Übungen mit Stift und Notizbuch

1. Negative Visualisierung

Eine Übung für einen definierten, nicht allzu langen, Zeitraum. Stell dir vor, was dir wirklich Schlimmes passieren könnte: Tod, Krankheit, Jobverlust, Trennung… Visualisiere dir diese Situation und schreibe auf, was alles passieren kann. Sei kreativ, schmücke das ordentlich und ernsthaft aus. Wieso? Der Stoiker erfährt dadurch, wie gut es ihm eigentlich geht und wird das, was er (noch) hat, vielmehr schätzen.

Das erinnert mich an eine buddhistische Praxis, bei der Friedhöfe besucht und sogar darauf übernachtet wird. Dies soll die Endlichkeit unseres hiesigen Daseins veranschaulichen. 

Seneca schlägt darüber hinaus vor, hin und wieder sehr wenig zu essen, schlechte Kleidung zu tragen und so vorübergehend „arm“ zu leben. Auch das lässt dich dankbarer für dein tatsächlich vorhandenes Vermögen werden. 

2. Nebensächlichkeiten messen

Notiere dir – vielleicht in einer Excel-Tabelle? – deine Tätigkeiten. Markiere, was dir wichtig ist und was nicht. Vorausgesetzt, du lebst ein typisches Leben, wird dir schon nach wenigen Tagen auffallen, wie viel Zeit du mit Nebensachen (Serien schauen, Smalltalk u.s.w.) verbringst statt mit den Hauptsachen (Menschen begegnen, körperliche Fitness, Nachdenken u.s.w.). 

3. Definiere, Verhindere, Repariere

Du hast wirklich Angst vor etwas? Dann stelle dich diesen Ängsten – gedanklich: Nehmen wir an, du hast ein Gespräch beim Chef und willst um mehr Gehalt verhandeln. Nimm dir vorher ein Stück Papier und zeichne drei Spalten: 

  • In die erste Spalte schreibst du mindestens fünf Dinge, die richtig schieflaufen können bei dem Gespräch. („Meine Hände zittern vor Aufregung.“)
  • In die zweite Spalte schreibst du, wie du verhindern kannst, dass diese Dinge passieren. („Durch etwas Bewegung vor dem Gespräch sinkt der Adrenalin-Spiegel.”)
  • In die dritte Spalte kommt alles, was du tun kannst, wenn es doch passiert. („Wenn ich das merke, trinke ich so lange nichts, bis die Hände wieder ruhig sind. Dann sieht er es nicht.”

Ich finde, das ist eine großartige Technik. Eigentlich ist das ja nur das das, was uns beim Grübeln vor dem Termin ohnehin durch den Kopf gehen würde. Aber durch das Verschriftlichen werden diese Gedanken hilfreich. 

4. Formuliere deine Ethik

Wir brauchen, sage ich, jemanden, an dem sich unser Charakter selbst orientieren kann: Krummes wirst Du nur an einer Richtschnur gerademachen. 

Seneca

Damit meint Seneca, dass du etwas benötigst, an dem du dich „messen“ kannst. Die Zeiten großer Vorbilder sind aber – meiner Meinung nach – vorbei. Deshalb schlage ich dir vor, kluge Gedanken (und diese hast du mit Sicherheit, spätestens, wen du ein tägliches Stoa-Zitat liest) aufzuschreiben und weiter zu durchdenken. Klar, dafür ist Automatisches Schreiben wieder mal die beste Technik. 

Und nun?

Na komm, probiere es aus. Oder, mmmmh. Vielleicht checkst du noch deine Haltung dazu. Also schlaf drüber. Und versuche, dich in den nächsten Tagen mal auf die Dinge zu fokussieren, die du ändern kannst. Ertrage den Rest stoisch. Und: 

Blicke oft zu den Sternen empor – als wandelst du mit Ihnen. Solche Gedanken reinigen die Seele von dem Schmutz des Erdenlebens

Mark Aurel

Falls du noch ein bisschen Party-Wissen mitnehmen willst: Der Stoizismus kommt aus der erfolgreichsten lebensphilosophischen Schule Griechenlands, der „Stoa“ (Στοά) – benannt nach der Säulenhalle auf der Agora, dem Marktplatz von Athen. Die Stoa wurde schon 300 vor Christus von Zenon von Kition gegründet von den klugen Denkern Seneca, Marc Aurel und Epiktet weitergeführt. Für die Renaissance ist wohl der Ryan Holiday verantwortlich. Logischerweise funktioniert die Philosophie vor allem in großen Unternehmen und beim US-Militär. 

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