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Schreiben als Entlastungs- und Bewältigungsmöglichkeit

Und jetzt auch noch schreiben? Warum es gerade dann sinnvoll ist, den Stift in die Hand  zu nehmen und zu schreiben, wenn die Welt überm Kopf zusammenzubrechen droht.

Sei wie eine Brunnenschale,
die zuerst das Wasser in sich sammelt
und dann überfließend es weitergibt.
Bernhard von Clairvaux

Gut, wenn sich die Spannung auch wieder entladen kann (Foto von Felix Mittermeier auf Unsplash)

Das moderne (über-)Leben

In einer Gesellschaft voller Hektik, Stress und Belastungen fällt es schwer, einen Gang zurückzuschalten und sich nicht vom Sog des Strudels, der sich Alltag nennt, herunterziehen zu lassen. Von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) wurde Stress zu einer der großen Gesundheitsgefahren des 21. Jahrhunderts erklärt. Stressbedingte Erkrankungen nehmen aufgrund von Tempo, Dichte und Intensität der Arbeitsprozesse zu. Wo Arbeitsabläufe effizienter und kostengünstiger werden stellt sich die Frage, ob der ökonomische Nutzen durch gesundheitliche Erkrankungen infolge wachsender Arbeitsbelastungen nicht teuer erkauft ist.

Ich habe während eines Praktikums in einer Einrichtung für Menschen mit psychischer und emotionaler Behinderung gearbeitet. Diese Arbeit war neu und fremd und ich hatte Probleme, mich emotional abzugrenzen und den Schicksalen der Menschen hier eine gesunde Distanz gegenüber aufzubauen. Ein Teil des Kollegiums schien ebenfalls mit dieser Herausforderung zu kämpfen, und so bot sich die Gelegenheit gemeinsam das automatische Schreiben, als Bewältigungs- und Entlastungsmöglichkeit kennenzulernen.

In Bezug auf Stressfolgeerkrankungen wie Burnout sind künstlerische Konzepte und künstlerische Therapien kaum ergründet. Dennoch werden diese Konzepte immer häufiger als Werkzeug zur Entlastung oder gar Bewältigung genutzt. Denn zwar lassen sich durch künstlerische Aktivitäten die für Stress ursächlichen Bedingungen nicht ändern, jedoch hat das Ausüben von Kunst Einfluss auf die Gehirnaktivität und wirkt sich positiv auf das Stressempfinden aus.

Lass uns eintauchen in die Tiefen unserer Psyche und ergründen, weshalb wir ticken, wie wir es tun und wie uns einfache Methoden, wie das Schreiben, wortwörtlich das Leben retten können!

Die Psychische Hygiene

Wie steht es um Deine Psychische Hygiene? Glänzt es in Deinem Stübchen, oder herrscht dort Chaos?

Bei der Psychohygiene werden Methoden wie das Schreiben angewendet, um im Kopf aufzuräumen und die seelische Gesundheit zu fördern. Und psychische Gesundheit ist mehr als das Nicht-Diagnostizieren einer psychischen Erkrankung – sondern auch die Fähigkeit, das Leben trotz seiner Hindernisse und Tiefpunkte in vollen Zügen genießen zu können. In Bezug auf Stress ist  genau das ausschlaggebend auf die Art, wie wir mit diesem umgehen. Sind wir psychisch fit, ist unsere Möglichkeit mit Stress umzugehen, erhöht.

Von Salutogenese und Resilienz

„Was uns nicht umbringt, macht uns stärker“
Friedrich Nietzsche (1908)

Hier zwei Begriffe, die wichtig für die Psychohygiene sind:

  • Das Konzept der Salutogenese greift Gedanken und Ergebnisse der Stressforschung auf und weist auf eine neue Definition von Gesundheit und Krankheit hin. Im Gegensatz zur Pathogenese bezieht sich die Salutogenese aber nicht auf die Entstehung von Krankheit, sondern auf die der Gesundheit. Ziel ist, die Krankheit nicht nur zu kurieren, sondern frühzeitig zu erkennen und nach Möglichkeit zu verhindern.
  • Das Resilienzkonzept geht von der Bewältigung des Alltags aus. Die Resilienz, also die Fähigkeit den Anforderungen des Lebens gerecht werden zu können, zählt zu den persönlichen Ressourcen, die im Laufe des Lebens ausgeprägt werden. Resilienz stammt vom lateinischen Verb resilare ab und bedeutet so viel wie abprallen, oder zurückspringen. Die Resilienz ist also eine Art psychische Widerstandsfähigkeit – oder das Immunsystem der Seele, das dabei helfen soll berufliche oder persönliche Krisen zu überwinden und im besten Falle gestärkt aus ihnen hervorzugehen.

Das (kreative) Schreiben als Bewältigungsmethode

Und welche Methoden und Werkzeuge können genutzt werden können, um die psychische Gesundheit und unsere Resilienz zu stärken? Die Salutogenese weist uns darauf hin, dass es an der Zeit ist, dem Stress entgegenzuwirken, bevor er uns in seinen Strängen fesselt, und mit Folgeerkrankungen wie Burnout oder Depression zurücklässt.

Und genau hier kommt das Schreiben ins Spiel.

Für meine ehemalige Poesie Professorin Kerstin Hof hat Lesen und Schreiben schon seit jeher therapeutische Wirkung und kann auf unterschiedliche Art, beispielsweise in Form eines Tagebuchs oder Journals, eingesetzt werden. Das Schreiben bietet einen Zugang zu Reflexions- und Veränderungsprozessen.

Durch ihre Vorlesungen und Anregungen hat Kerstin meine schon zuvor vorhandene Liebe zum Schreiben geprägt und gestärkt. Das kreative Schreiben wurde in unserer Studiengruppe in Form des automatischen Schreibens zu einer Gewohnheit und zu Beginn jeder Vorlesung praktiziert.

Einfache Übungen für die Bewältigung mittels Schreiben

Kreatives Schreiben

Der Berliner Soziologe, Philosoph und Psychotherapieforscher Lutz von Werder zählt in seinem Buch „Einführung in das Kreative Schreiben“ eine Vielzahl von Schreibtechniken auf, die vom Schreibenden als Entlastungs- oder Bewältigungsmöglichkeiten genutzt werden können. Er schreibt dem kreativen Schreiben positive Eigenschaften wie das Hervorlocken sprachlicher Spontanität, das Stimulieren von Fließen-lassen der Gedanken und das Verarbeiten der Außenwelt zu. Und das ist nicht alles: Außerdem kann das kreative Schreiben die Fähigkeit fördern, die innere private Sprache in eine lesbare Form fördern, um es für andere erschließbar zu machen. Was in der Entwicklungspsychologie eine wichtige Rolle spielt.

Kreatives Schreiben umfasst dabei eine Vielzahl an Möglichkeiten. Wenn ich schreibe, entsteht dabei manchmal ein Gedicht, ein tagebuchartiger Text, eine abstrakte Reihung von Gedanken, oder eine kurze Geschichte. Beim Kreativen Schreiben gibt es jedoch auch Schreibformen, die sich an einer Art Aufgabenstellung entlanghangeln. So kennen einige vielleicht noch das sogenannte Elfchen aus der Schule, oder das Haiku. Beides sind Schreibformen, die mit dem Kochen nach Rezept  verglichen werden können. Eine Form des Kreativen Schreibens nennt sich automatisches Schreiben.

Automatisches Schreiben

Das automatische Schreiben ist laut Werder eine Schreibtechnik im Bereich des kreativen Schreibens, die schon zu Schillers und Goethes Zeiten praktiziert wurde. Ziel ist für einen bestimmten Zeitraum alles niederzuschreiben was der schreibenden Person durch den Kopf geht, ohne ins Grübeln zu kommen. Auf Eric’s Beitrag kannst du mehr dazu herausfinden.  

Für mich ist diese Art des kreativen Schreibens nur mit Stift und Papier möglich. Zwar lässt sie sich sicherlich auch am Laptop oder mit anderen Schreibhilfen durchführen, jedoch habe ich das Gefühl dabei eingeschränkt zu sein. Das könnte daran liegen, dass das Schreiben auf dem Blatt Papier eine Kunstform ist, die dem Zeichnen sehr nahekommt. Schließlich ist Schreiben an sich nichts anderes als Linien und Punkte auf Papier zu zeichnen.

Automatisches Schreiben im Songwriting

Songwriting ist als Teil des automatischen Schreibens meine ganz persönliche Strategie und eine Art kreatives „Ventil“. Die therapeutische Intervention des Songwriting besteht aus dem Prozess des Schreibens und dem Endprodukts – dem Lied. Hier stehen persönliche Interessen, Bedürfnisse, Gefühle und Gedanken im Fokus und können im Lied Ausdruck finden. Dieses Lied ist somit eine persönliche Reflexion, die durch eine Aufnahme „wiedererlebbar“ und durch eine Aufführung oder das Abspielen einer Aufnahme mit anderen „teilbar“ gemacht wird. Zudem kann das Schreiben eines Liedes unterbewusste Aspekte der schreibenden Person hervorrufen und einen Raum für Gefühle öffnen, die für ein Gespräch möglicherweise zu persönlich und fragil wären.

Wenn ich ein Lied schreibe dann meist, weil ich das Gefühl habe, dass sich etwas in mir anstaut das verschriftlicht werden will. Die Vertonung des Textes geschieht meist zeitgleich dem Schreiben. Diese Momente und auch die Lieder an sich sind für mich meist sehr fragil, da sie emotional unfassbar tiefgründig sind. So löst das Schreiben von Liedern etwas von mir ab und in mir aus, das so besonders ist, dass der Versuch diese Erfahrung in Worte zu fassen den Moment seiner Magie berauben würde. Meist begreife ich den Sinn der Lieder erst nach mehrmaligem Spielen oder nach mehrfachem Anhören einer schnellen Aufnahme. Unbewusste Themen und Gefühle treten ans Licht. Diese haben mich zwar innerlich beschäftigt, waren jedoch nicht offensichtlich und greifbar.

Was ich Dir mit auf den Weg geben möchte

Es ist notwendiger denn je, die eigene psychische Gesundheit zu wahren und sich immer wieder bewusst zu machen, dass wir selbst für unser Wohlbefinden verantwortlich sind. Ich werde nicht in der Lage sein, mein Leben in einer erfüllenden Art und Weise zu leben, wenn ich mich nicht selbst auf einem bestimmten Level der Gesundheit befinde. Nur so kann ich das Leben genießen und Sorge für andere tragen, ohne dabei selbst auszubrennen oder zu vertrocknen.

Das Schreiben hilft mir also, meine Ressourcen und meine Resilienz auszubauen und zu stärken. Ich kann herausfordernden Situationen entgegenblicken, ohne Angst haben zu müssen, diese nicht meistern zu können. Ich kann durch das Schreiben neue Kraft schöpfen und sammeln, um diese in meinen Alltag und das Leben anderer Menschen fließen zu lassen. Und ich kann meine Erfahrungen teilen und das Schreiben in das Leben meiner Mitmenschen tragen, sodass auch sie ein Werkzeug haben, mit dem sie möglicherweise schwierige Situationen besser bewältigen können.

Wie du ganz einfach anfangen kannst

Ich möchte Dich herausfordern. Wie hoch ist Dein Stresspegel derzeit? Fühlst Du Dich diesem gewachsen, oder erwischst Du Dich dabei, von Alltäglichem überrollt zu werden? Sei ermutigt und gönn Dir eine Schreib(-aus-)zeit! Starte bei fünf, sieben, oder zehn Minuten und schreib drauf los. Das ist meiner Meinung nach die Schönheit und die Kraft des automatischen Schreibens. Es geht nicht darum, einen Text zu verfassen, der Dir mehr bringt, als Ruhe und Klarheit. Mach dich beim Schreiben frei von Erwartungen und Gedanken und dein Kopf wird es auch werden. Vielleicht wird das Schreiben so zu Deinem Lifesaver!

Frohes Schreiben!
Deine Anna-Lisa

Quellen

Baker, Felicity; Wigram, Tony (2005): Songwriting. Methods, Techniques and Clinical Applications for Music Therapy Clinicians, Educators and Students. London, Philadelphia: Jessica Kingsley Publishers.

Clos, Claudia (2016): Gesund im Job. So stärken Sie Ihre körperliche und psychische Gesundheit am Arbeitsplatz. Bern: Hogrefe Verlag

Litzcke, Sven; Schuh, Horst; Pletke, Matthias (2013): Stress, Mobbing, Burn-out am Arbeitsplatz. Umgang mit Leistungsdruck – Belastungen im Beruf meistern – Mit Fragebögen, Checklisten, Übungen (6., vollständig überarbeitete Auflage). Berlin: Springer

Sinapius, Peter (2014): „… man lernt, den Ton des Anderen wahrzunehmen“. Burnout-Prävention mit künstlerischen Mitteln. In: Kunst und Therapie / Zeitschrift für bildnerische Therapien 2014/2. Köln: Claus Richter Verlag

Weirauch, Angelika (2014): Lebenskunst – Texte des kreativen Schreibens, zirkulär demonstriert. Am Beispiel der Texte von Frauen mit Behinderung. Hamburg: Verlag Dr. Kovac GmbH

Werder, Lutz von (2000): Einführung in das kreative Schreiben (2. Auflage). Milow: Schribi-Verlag

Bolwerk, Anne et al. (2014): How Art Changes Your Brain: Differential Effects of Visual Art Production and Cognitive Art Evaluation on Functional Brain Connectivity.

Bengel, Jürgen; Strittmatter, Regine (2001): Aaron Antonovskys Modell der Salutogenese. In: Bengel, J., Strittmatter R., Willmann, R. (2001). Was erhält Menschen gesund? Antonovskys Modell der Salutogenese – Diskussionsstand und Stellenwert. Erweiterte Neuauflage, BZgA.

Hof, Kerstin (2019): Poesie und Coping. Schreiben und Lesen als künstlerische Interventionen in soziokulturellen und gesellschaftspolitischen Kontexten.

 

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