Ich weiß: Meditieren ist nicht jedermanns Sache. Wäre es nicht schön, wenn man einen ähnlichen Effekt ohne dieses stille Herumgesitze bekommen könnte? Ja, man kann. Man muss „nur“ durch Tagträumen das Default Mode Network aktivieren. Aber etwas Vorsicht ist geboten!

Photo by patrick hui on Unsplash
Sieht nach einer guten Voraussetzung für das Aktivieren des „Default Mode Network“ aus… (Foto von patrick hui auf Unsplash)

Klug, mal nichts zu denken

Kennst du das? Dir fällt der Name von diesem Schauspieler partout nicht ein – so angestrengt du auch darüber nachdenkst. Dann gibst du endlich auf, atmest ruhig durch und verlierst deine Fokussierung. ZACK! Ist er da, der Name, nach dem du so lange gesucht hast. Kaum hat dein Gehirn aufgehört zu denken, ist er aufgetaucht.

Das ist ja schon fast eine Regel: Warum haben Menschen die besten Einfälle, wenn sie unter der Dusche stehen? Wieso fiel Isaak Newton seine „Principia“ gerade dann ein, als ihm ein Apfel auf dem Kopf gefallen ist? Glaubt jemand, dass der Physiker unter dem Apfelbaum in diesem Moment zielorientiert gearbeitet und gedacht hat? Und was ist mit dem sehr klugen Philosoph Diogenes – dieser hat sich sein Leben in der altgriechischen Tonne maximal tagträumerisch gestaltet und war vielleicht der klügste Kopf zu seiner Lebzeit.

Die gefühlte Antwort auf die Frage, warum wir so gut sind, wenn wir gerade nicht denken, ist vermutlich irgendetwas wie „wenn man sich mal entspannt, dann entwickeln sich oft die kreativsten Antworten“ – oder so. Und, ja, genau: Dies beschreibt ziemlich genau das, was das „Default Mode Network“ in unserem Kopf tut.

Im Tao Te King, das ist so etwas wie das heilige Buch der Taoisten, steht, wie der wirklich Berufene vorankommt:

Er macht das Nichtmachen,

so kommt alles in Ordnung.

Default Mode Network: der aktuelle Stand

Das Default Mode Network (DMN) wurde erst 2001 von Marcus E. Raichle und Kollegen entdeckt: Es besteht aus einer ganzen Reihe von Arealen im Gehirn, die genau dann aktiviert werden, wenn wir nicht (!) denken. Dazu gehören der mediale präfrontale Cortex, Praecuneus, Teile des Gyrus cinguli sowieder Lobulus parietalis superior des Scheitellappens und der Hippocampus:

Wenn gerade nichts denkt, herrscht hier Aktivität.

Alles klar? 🙂

Im Ernst: Wieso fangen Gehirnregionen genau dann an zu arbeiten, wenn wir gerade nicht zielgerichtet denken, sondern ins sogenannte „reizunabhängige Denken“ verfallen? Genau deshalb: Weil es gerade dann eine Menge zu tun gibt. Denn während wir uns auf die Welt um uns konzentrieren, haben wir alle Hände (oder besser „Synapsen“) damit zu tun, möglichst schnell die beste Reaktion auf die Reize unserer Umwelt auszuwählen. Wir sehen, hören, ahnen, riechen, spüren und befürchten zigtausend Signale in jeder Stunde oder gar Minute. Jeder Moment ist irgendwie wie die Ankunft auf dem Bahnhof einer sehr exotischen und sehr vollen Metropole: Massenhaft Eindrücke – und wir versuchen, den Ausgang und schließlich das Hotel zu finden. Wenn wir dann dort sind und uns auf das Bett fallen lassen, fangen wir überhaupt erst an, all diese Eindrücke zu verarbeiten. Und das ist, was das Default Mode Network tut: Es sortiert, kodiert, speichert, verbindet und bewertet das Erlebte. Vergleicht es mit älteren ähnlichen Mustern und arbeitet es in unsere „Story“ ein, die dann für uns die Wahrheit darstellt.

Das ist übrigens auch, was unser Gehirn während der REM-Phase im Schlaf tut – also, wenn wir träumen. Das ist durchaus vergleichbar – allerdings noch einmal eine andere Geschichte wert. Denn der Output eines Traums ist, nun ja, schwer zu interpretieren – wie du vermutlich weißt.

Wie auch immer: Wenn das Gehirn gerade nicht durch Reize beansprucht wird, geht es nicht in einen Leerlauf, sondern räumt auf und gestaltet. Das ist – wenig überraschend – in etwa das, was während einer Meditation passiert oder passieren sollte. Hier lautet die leider oft, wenn auch fälschlicherweise genannte Anweisung, nichts (!) mehr zu denken. (Einschub: Das ist natürlich Quatsch. Denn wenn du mir sagst, ich soll nichts denken, denke ich natürlich noch viel heftiger und werde zusätzlich noch gefrustet, weil ich versagt habe.) Wer jedenfalls regelmäßig und entspannt meditiert, profitiert von der Arbeit des Default Mode Networks: Alles, was vorher noch ein wenig ungeordnet im Kopf herumgeschwirrt ist, wurde ordentlich einsortiert.

Interessant an der neuen Forschung des DMN ist: Dies geht auch ohne strenge Meditation. Etwa zwei verschiedene Situation werden beschrieben, in denen wir in eben diese Tagträumerei sinken:

  1. Du schaust aus einem Fenster. Vermutlich ist damit ein Fenster gemeint, durch das wir schon häufiger geschaut haben. Wenn ich durch ein Hotelfenster auf den Piccadilly Circus schaue, werde ich vermutlich staunen und nicht Tagträumen.
  2. Du tust etwas, was dich gerade so stark beschäftigt, dass du es automatisiert tun kannst – aber nicht vor Langeweile leidest. Für manche ist das vielleicht Bügeln andere verfallen beim Gärtnern in diesen Zustand.

Ich erinnere mich auch an Studien, die dem Spazierengehen ähnliche Effekte zuschreiben. Allerdings konnte dabei vermutlich die Aktivität verschiedener Gehirnareale gemessen werden. Ich kann allerdings sehr gut beim Laufen Tagträumen. Und darauf kommt es ja wohl an.

Das DMN im klinischen Einsatz?

Natürlich hat sich die Wissenschaft auch damit beschäftigt, wie psychische Krankheiten und Stoffe auf das Default Mode Network wirken. Hier einige Erkenntnisse:

  • Bei Schizophrenie, die ja häufig mit Wahnvorstellungen einhergeht, wird das DNM beim Übergang in den normalen Arbeitszustand nicht genügend aktiviert.
  • Auch Alzheimer-Patienten haben ein verändertes DMN-Aktivitätsmuster. Wobei das vermutlich, vor allem daran liegt, dass bei dieser Art der Demenz nach und nach fast alle Gehirnregionen in Mitleidenschaft gezogen werden.
  • Es gibt Vermutungen, dass auch bei ADHS, Depressionen und Posttraumatische Belastungsstörungen durch mit einer unvollständige Deaktivierung des DMN einhergehen.
  • Und natürlich haben alle Drogen und Arzneimittel, die das Bewusstsein oder den Schlaf manipulieren, Auswirkungen auf die DMN-Aktivitäten.

Das alles klingt für mich so: Während wir in einem Traum-Modus (Tagträumen oder Nachtträumen) gehen, wird das „bewusste“ Denken gehemmt und das Default Mode Network aktiviert. Dieses verursacht beim „Aufräumen“ dann Bilder und Ideen. Wechseln wir dann wieder in das produktive Denken, muss das DMN deaktiviert werden, weil diese eher intuitiven Bilder nicht zur „normalen“ Realität passen. Funktioniert diese Deaktivierung nicht – weil wir psychoaktive Drogen nehmen oder wegen eines schizophrenen Schub – gelangen diese „Traumbilder“ in unser Bewusstsein. Dort nehmen wir sie als psychedelisch (z. B. bei der Einnahme von LSD), beängstigend (bei Schizophrenie) oder verwirrend (bei luziden Träumen) wahr.

Und dann noch eine Warnung: Denn „der Inhalt der Tagträumerei bestimmt, ob die Tagträumerei dem Wohlbefinden eines Menschen nutzt oder nicht“, erklärt der Neurowissenschaftler Jonathan Smallwood von der University of York. Wer, weil er den Zustand so mag, ständig in Tagträumerei versinkt – oder die darin enthaltenen Inhalte gar negativ sind, wird sich dadurch mehr schaden als nutzen. Dann hilft vermutlich doch wieder etwas mehr Achtsamkeit und fokussierende Meditation, um das DMN wieder regulär „auszuschalten“.

Wie es vermutlich nicht funktioniert

Na gut, wir sind weiterhin auf einem etwas spekulativen Gebiet. Denn die Forschung zum DMN ist relativ jung. Aber lassen wir die Logik sprechen:

  • Damit etwas verarbeitet werden kann, muss zuvor etwas „eingesammelt“ werden. Vermutlich ist ein Tagträumerei dann besonders wertvoll, wenn wir zuvor viel erlebt oder gedacht haben.
  • Es geht ums Entspannen und nicht ums Nicht-Denken. Will sagen: Natürlich tauchen beim Aus-Dem-Fenster-Gucken Gedanken auf. Und vielleicht gehen diese auch wieder. Wer sich anstrengt, nicht zu denken, hat verloren.
  • Es bleibt „Zeitverschwendung“: Zielgerichtet Tagträumen geht nicht. In einigen Ratgebern habe ich gelesen, dass man darauf achten sollte, nur positive Gedanken rund um sein zu lösendes Thema haben soll. Ich denke, das ist Unsinn. Wer sich anstrengt, alles richtigzumachen, hat verloren.
  • Übung macht den wahren Träumer. Da ist wieder eine Analogie zur Meditation: Wenn du hoffst, nach der ersten Meditation so etwas wie Erleuchtung zu finden, hast du auch schon verloren.

Wie das Tagträumen nützlich wird

Na gut, wir möchten also die neuesten Erkenntnisse der Wissenschaft dafür nutzen, richtige und kreative Entscheidungen zu treffen. Dann gilt: Egal, worum es gerade geht – eine Verhandlung, das Schreiben eines Konzeptes oder ein anderes Projekt – irgendwann müssen wir Abstand davon nehmen und unser Hirn in uns arbeiten lassen. In schlau heißt das „perceptual decoupling“ und bedeutet nichts anderes als das Aktivieren des Default Mode Networks oder kurz „Tagträumen“.

Das ist aber gar nicht so einfach: Gerade, wenn es um etwas geht, eben nicht darüber zu grübeln, nicht produktiv an einer Lösung arbeiten, nicht das Ziel erreichen zu wollen. Das braucht eine, nun, „Lockerheit“, die wir meist nicht haben. Ich finde wenig Sprüche sinnloser und ärgerlicher als die Empfehlungen mancher Coaches: „Jetzt entspanne dich einfach mal.“ EINFACH mal ENTSPANNEN? Wir können nur dann wirklich entspannen, wen wir uns sicher fühlen, gerade keine Angst und keine Wut verspüren und uns keine innere Stimme dazu auffordert, etwas zu tun oder besser zu werden. Das sind verdammt hohe Ansprüche an einen Zustand. Das geht nicht EINFACH mal so.

Aber vielleicht bekommst du das zwischendurch immer mal wieder hin. Mit ein wenig Übung und der positiven Erfahrung, dass es dir gut tut. Hier eine vielleicht funktionierende Anleitung.

Wie man zum positiven Tagträumer wird

Probiere es mal auf diese Weise. Wobei ich dir sehr empfehlen kann, das alles nicht wortwörtlich zu machen – sondern so, dass es zu dir passt. Du weißt ja: Das Ziel ist kein Ziel zu haben.

  1. Die Erlaubnis erteilen: Ein bisschen sind wir alle suggestibel, also beeinflussbar – auch für uns selbst. Wenn du dir also ausdrücklich die Erlaubnis gibst, die nächsten zehn Minuten (oder so) nicht produktiv zu sein, wird dir genau das ein wenig leichter fallen.
  2. Regelmäßigkeit/Übung: In jeder neuen Situation sind unsere Sinne geschärft und unser Bewusstsein auf neue Reize eingestellt. Es wird eine Weile dauern, bis dir die Tagträumerei wirklich gelingt. Mache dir den Weg dorthin so angenehm wie möglich.
  3. Die richtige Umgebung/Situation: Aus dem Fenster zu schauen ist oft eine gute Idee. Das weitet den Horizont, ist ein bisschen langweilig aber nicht öde. Durch einen Park zu gehen, kann sich ähnlich anfühlen. Eine weiße Wand anzustarren ist vermutlich keine gute Idee. Das wird sehr schnell nerven.
  4. Ausreichend Zeit: Gib dir – zumindest am Anfang – etwas Zeit. Vielleicht zehn Minuten? Wobei das ganz schön lang sein kann. Falls es dir arg fad wird oder du ins Grübeln gerätst, brich ab. Warum auch nicht? Es ist DEINE Zeit.
  5. ggf. Festhalten der Ergebnisse: Kennst du die Regel „Das Nachher ist dein Lehrer“? Das will sagen, dass wir manchmal erst nach einer Aktion wahrnehmen, ob das für uns gut war. Deshalb ist es vielleicht eine gute Idee, hin und wieder nach der Tagträumerei darüber zu reflektieren. Ich finde, das kannst du am besten durch Automatisches Schreiben

Warum Tagträumen statt meditieren?

Natürlich: Tagträumen ist im Vergleich zur regelmäßigen Meditations-Praxis anders. Die Idee dahinter ist zwar sehr ähnlich: Du lernst, loszulassen und „vertust“ scheinbar eine Menge Zeit in der Hoffnung, dass es dir durch regelmäßige Übung irgendwann gut tut.

Und trotzdem: Obwohl (oder gerade weil?) Meditation voll im Trend liegt, ist diese nun mal nicht jedermanns Sache. Das liegt nicht nur daran, dass Meditation oft auch als spirituelle Praxis angesehen wird und einige genau das nicht mögen. Das liegt auch daran, dass Meditation oft sehr rigide hinsichtlich der Ausführung beschrieben wird. Und – gerade wenn es ums Entspannen geht – wollen viele nicht noch mehr Regeln und Anweisungen befolgen. Was sehr verständlich ist. Tagträumen ist da anders.

Vielleicht sogar eine gute Alternative für dich. Allerdings geht es dabei NICHT um Fokussierung oder Konzentration – sondern um das schleifen lassen der Gedanken. Und wer sich ansonsten auch nicht gut konzentrieren kann oder beim Tagträumen auf eher unangenehme Themen stößt, sollte sich dann doch eher der Achtsamkeit zuwenden.

Vielleicht ist das Aktivieren des Default Mode Network per Tagträumen für dich trotzdem die richtige Strategie. Denn – mit ein wenig Übung – kann das definitiv jeder, es macht Spaß und es ist ganz sicher nicht spirituell verbrämt.

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