Die Usability-Sünden der scheinbar hippen Webgrafiker

Vemeintlich befinden wir uns hier in den meisten Fällen  im Spannungsfeld zwischen „schön vs. suchmaschinenfreundlich“ – meist jedoch in zwei unterschiedlichen Ansichten darüber, was für den User praktikabel ist. Und ich will auch nicht DIE Webgrafiker bashen. Sondern nur die, die „schön“ mit „schwer bedienbar“ verwechseln.

1. Was habt ihr gegen das Scrollrad?

Texte, Inhalte und Links werden vom Webgrafiker oft schneller hinter einem „mehr“ oder einem kryptischen Pfeil weggeklappt, als man gucken kann. Wenn man nachfragt, bekommt man die Antwort „die User wollen doch nicht so viel scrollen“. Also deshalb werden wertvolle Informationen hinter Javascript versteckt und die Leute müssen klicken statt scrollen? Mal ehrlich: Was machst du lieber: klicken oder scrollen?

Damit es noch einmal für alle gesagt ist, die es bisher ignorieren konnten: Text, der z.B. durch Javascript verdeckt ist, wird von Google zwar indiziert, aber nur untergeordnet für die Relevanz-Berechnung der Seite heran gezogen. Das macht auch Sinn, weil dieser ja erst vom User gesucht und gefunden werden muss – also gar nicht zum „Main Content“ gehören kann. Das heißt: Wenn ihr etwa  ein FAQ mit Fragen habt, unter denen die Antworten versteckt sind, sind für Google im Prinzip nur die Fragen und NICHT die Antworten relevant. Das kann sinnvoll sein – muss es aber nicht.

Ein zugehöriger Punkt: Häufig wird behauptet, dass Seiten mit weniger Text „von der Usability“ her besser sind. Ich halte diese Pauschalausage für Quatsch, und bisher konnte mir niemand für einen speziellen oder einen allgemeinen Fall eine Studie oder zumindest belastbare Zahlen zeigen, in der dies belegt wird. Und so lange ich keine solche Studie gesehen habe, bleibe ich dabei: Es geht nicht um die MASSE sondern die Qualität und die Strukturierung des Inhalts.

2. Ist „Storytelling“ das neue Flash?

Um das nicht falsch verstanden zu wissen: „Storytelling“ ist eine wertvolle Technik für die Erstellung von Inhalten und sogar für die Entwicklung ganzer Kampagnen. Ich selbst gebe Seminare in Storytelling. ABER: Unter genau diesem Begriff treffe ich derzeit immer wieder auf OnePager-Seiten, die Benutzer in Geiselhaft nehmen und leider nur so bedienbar sind, wie es sich der Webdesigner oder Konzeptioner überlegt hat. Du kommst dann etwa auf die Seite für eine, sagen wir mal, Versicherung und wirst von dem digitalen Geschichtenerzähler an die Hand genommen und durch seine Welt hindurch gezerrt. Das fängt mit einem riesigen Bild und einem Sinnspruch oder gar einem seitenfüllenden Video an, aus dem du nur raus kommst, wenn du den winzigen „Weiter“-Button gefunden und angeklickt hast. Einfach Scrollen geht auch danach nicht – du hüpfst von Stufe zu Stufe, weißt gar nicht, wo du bist und mal eben zurückscrollen geht auch nicht. So lange du die Seite nicht verlässt, bleibst du in digitaler Geiselhaft. Und solltest du mal NICHT zehn Minunten Zeit haben um dir wirklich jeden Aspekt anzugucken, oder solltest du diese Bedienung nicht verstehen oder dir ist die Gesamtsicht zur Versicherung egal und du willst einfach nur wissen, was sie kostet, dann bist du der Mops! Dann kannst du dich entweder so lange über die Seite zerren lassen, bis deine gewünschte Info kommt – oder du reißt dich los und googelst, ob es die Info nicht irgenwo anders gibt.

Ein extremes Beispiel mit Musik, Videos und einer sehr übergriffigen Navigation: http://apps.ua/en

Ein extremes Beispiel mit Musik, Videos und einer sehr übergriffigen Navigation: http://apps.ua/en

Immer, wenn ich das sehe, frage ich mich, ob es wirklich clever war, dass wir den Grafikern verboten haben, Flash-Anwendungen zu programmieren. Denn jetzt haben sie sich ein anderes, wie ich finde noch anstrengeneres Designer-Feld gesucht. Unter einer Flash-Anwendung haben wir nämlich zusätzlich oft noch eine bedienbare Webseite gefunden. So mancher storygetellter OnePager bleibt aber immer unbedienbar.

Ich habe übrigens keine Ahnung, wie Google mit solchen Seiten klar kommt, weil der Crawler ja versucht, solche Seiten zu rendern. Und ob verwirrte User positiv in die Verweildauer einfließen, kann ich auch nicht sagen. Ich bin mir aber sehr sicher, dass solch übertriebene OnePager dazu führen, dass Longtails wie „[Medikament] Nebenwirkungen“ keinen Platz mehr im Konzept haben. Das ist für den SEO echt schade.

3. Wer hat eigentlich gesagt, dass Navigation aus der Mode ist?

Absurd: Statt einer Navigation ein Hamburger-Menü. Aber zur Erklärung dann "Rubriken" daneben schreiben. Ein Irrweg des Spiegel-Online-Grafikers.

Absurd: Statt einer Navigation ein Hamburger-Menü. Aber zur Erklärung dann „Rubriken“ daneben schreiben. Ein Irrweg des Spiegel-Online-Grafikers.

Ich befürchte, dieser Punkt könnte ein unnötiger Kollateralschaden des „Mobile First“-Ansatzes sein: Navigationen (also das, womit man sich auf einer Webseite von A nach B und von n nach m bewegt), werden immer kleiner und magerer und enden meist in einem Hamburger Menü. Nach einer gewissen Zeit der gigantischen Mega-Pulldowns hört man nun gar erschreckenderweise, dass „Pull Downs aus der Mode gekommen sind“. Wer sagt denn so was? Menüs sind doch genauso wenig aus der Mode, wie etwa Auto-Türen – die zwar nicht immer schön aber arg nützlich sind.

Was hat das mit Mobile First zu tun? Das liegt auf der Hand: Wenn ich meine Design-Konzeption auf dem Handy starte, dann ist es DORT gar nicht so einfach, Menüs untereiner zu verschachteln. Na gut, das ist wahr. Aber warum dann in den Feierabend gehen und ignorieren, dass man dem User mit einem Desktop eine ordentliche Navigation ermöglichen könnte? Warum verschwindet die Navigationen heute auch auf riesigen 27 Zoll-Monitoren in einem minimalistischen Hamburger-Menü? Was soll daran nützlich sein?

4. Mobil = weniger Info? Nicht.

Es ist inhaltlich absolut nachvollziehbar, dass die Nutzung von Webseiten mobile (im Smartphone) anders funktioniert als auf dem Desktop. Deshalb ist ein anderes Layout und, ja, sogar manchmal eine andere Informations-Strategie sinnvoll. Wer aber behauptet, dass „mobile“ IMMER deutlich weniger Text bzw. Content auf die  Seite gehört, der täuscht sich und macht es sich zu einfach: Gab es da nicht schon 2015 diese Studie, dass viele Produkt-Recherchen auf dem Handy erfolgen – der Kauf dann aber auf dem Desktop erfolgt? Wenn das tatsächlich so ist, warum kürzt ihr eure Informationen auf dem Handy deutlich? Merke: „Immer“ ist eigentlich immer falsch! Überlege dir, welche Informationen der User in welcher Situation braucht und passe dann den Screen an.

5. Lange Mode vs. kurzem Trend

Genüsslich beobachte ich zwei Entwicklungen, die vollständig gegenläufig sind: Einerseits versuchen Webgrafiker und Konzeptioner möglichst wenig auf eine Webseite zu schreiben „weil die User ja nicht gerne lesen“ (oder so). Und andererseits verkaufen die gleichen Tredsetter möglichst holistische Seiten als Storytelling bei denen der User dann klicken, scrolle und swipen muss.

Das würde ja eigentlich ganz gut zusammen passen: Denn es gibt viele Themen, für die ich besser eine kurze, fokussierte Seite produziere. Und es gibt Themen (und Keywords) bei denen ein ordentlich langer OnePager richtig viel Sinn. Leider habe ich das Gefühl, dass dies ganz häufig nicht inhaltlich sondern eher zufällig in einer Mode- oder Trend-Stimmung entschieden wird.

6. Swipen = Querscrollen ohne Scrollbalken

So, wie wir das vom iTunes-Store, von Netflix & Co kennen, finden wir nun auf neu designten Webseiten häufig Swipe-Teaser: Also viele Teaser nebeneinander, die dann durch einen Klick auf einen Haken nach links oder rechts ausgetauscht werden können. Diese sind nicht unbedingt neu – waren aber noch nie so richtig praktisch. Denn was auf einem Tablet mit einer Handbewegung ziemlich lässig funktioniert, muss bei der Bedienung einer Maus umständlich fokusiert und geklickt werden.

Also: Wieso und warum tut ihr uns das an? Ich weiß, dass z.B. auf Amazon auch viele Teaser horizontal scrollen – aber die haben zumindest einen Scrollbalken drunter…

Schöner Beitrag auf usabilit.de mit dem Titel "Vorsicht vor dem horizontalem Scrollen und Swiping auf dem Desktop". Und was 2014 nicht funktioniert hat, wird auch 2017 nicht besser...

Schöner Beitrag auf usabilit.de mit dem Titel „Vorsicht vor dem horizontalem Scrollen und Swiping auf dem Desktop“. Und was 2014 nicht funktioniert hat, wird auch 2017 nicht besser…

Ich möchte hier auch noch einmal den Hinweis geben, dass John Müller von Google eindeutig formuliert hat, dass versteckte Inhalte von Google zwar gerendert aber nur untergeordnet bewertet werden. Also: Was ist dann mit den Teasern? Sind diese aus Google-Sicht ordentlich verlinkt? Ich kann nicht einmal behaupten, dies sicher verneinen zu können. Vielleicht ist Google klug genug, diese Links zumindest teilweise zu werten. Aber wer weiß das schon?

7. Formatfüllende Bilder

Wie konnte es nur dazu kommen, dass der sichtbare Bereich immer häufiger nur von einem Foto (in schlimmen Fällen auch von einem Stock-Video) gefüllt wird? Diese Tendenz ist nicht ganz neu – aber was glaubt ihr, warum jemand auf eure Seite kommt? Um sich mal ganz in Ruhe von einem total emotionalen Bild einfangen zu lassen? Oder ist er vielleicht doch eher auf der Suche nach einer „Info über“ oder nach einem „Produkt für“? Wie kann man (wenn es ums Kürzen von Texten geht) sagen, dass Internet-User keine Zeit zum Lesen und keine Lust zum Scrollen haben – aber ihnen statt des eigentlichen Main-Contents eine emotionale Bilderflut zumuten, aus der man sich erst hinaus scrollen muss? Ich bin NICHT der Meinung, dass alles Wichtige im sofort sichtbaren Bereich einer Webseite angezeigt werden muss. Aber ich finde, zum ETWAS sollte man darauf schon erkennen können.

Fazit: Macht es vielleicht ein bisschen weniger trendy!

Ich verstehe schon: Als Webgrafiker möchte man etwas abliefern, dass schön und schick aussieht. Und der Look von „mobile“ auf dem Desktop sieht ja irgendwie schön clean und deshalb auch modern aus. Gute Grafiker sind ja meist auch Reduktionisten. Doch leider leidet dabei manchmal (ich sage ja nicht „immer“) die Bedienbarkeit – und häufiger die Suchmaschinenoptimierung. Ich bitte euch einfach nur um etwas mehr Fingerspitzengefühl und dass ihr euch auch an erfolgreichen Seiten orientiert. Welche wirklich erfolgreiche Webseite setzt all diese oben genannten Design-Spielerein ein? Warum hat Amazon kein Hamburger-Menü als Navigation? Warum lässt sich selbst der OnePager von Apple für das iPhone 7 ordentlich scrollen – ohne Stufen und digitaler Geiselhaft? Was glaubt ihr, warum Focus Online und sogar die design-verliebte SZ in der Navigation alle inhaltlichen Rubriken aufzählt – und diese nicht versteckt? Wieso sind bei Otto.de alle Produktdaten auch mobile gut zu erreichen?

Und, vielleicht ein kleiner Ratschlag, was die Zielgruppe will und was nicht: Schaut euch mal beim Sinus-Institut an, wer eure Zielgruppe ist. Wenn ihr Webgrafik verkauft, sind das sicherlich die hippen Hedonisten oder andere „Digital Natives“. Deine Webgrafiker-Seite darf, äh soll, möglichst schick und schön sein. Wenn eure Kunden aber Versicherungen verkaufen bezweifle ich, dass die Internet-Nachzügler auf dem Desktop wirklich mit einem Burger-Menü klar kommen.

2 Kommentare

  1. Kompliment an den Autor – ein sehr gelungener Überblick, der meine Einschätzung zu Moden und Trends gut trifft. Noch einen Blick auf die Titelzeile und auch der verflixte Fehlerteufel verdrückt sich.

  2. Du sprichst mir aus der Seele! Ich hasse diese großen Bilder, die nichts sagen. Dann blödes durchgescrolle auf der gesamten Seite, ohne das wirkliche Inhalte gefunden werden. Vielleicht mal hier und da ein Satz, aber wehe, man will echte Infos…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.