Flash Fiction – der Tweet unter den Erzählungen

Ein Tweet besteht aus maximal 140 Zeichen. Das ist wenig, allerdings stellt man meist auch wenig Ansprüche an den Inhalt einer Twitter-Nachricht. Eine Flash Fiction Erzählung ist dagegen eine komplette Geschichte mit einem Umfang von, mmmh, 100 bis 2.000 Wörtern. Das ist schätzungsweise wenig genug, um auch heute noch am Stück gelesen zu werden.

 

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Schneller als du manchmal denken kannst: Flash Fiction ist der Twitter unter den Kurzgeschichten. (Photo by Ahsan Avi on Unsplash)

 

Damit wir uns richtig verstehen: Ich spreche hier von kompletten Erzählungen mit: Protagonist, Konflikt, Hindernis, Lösung, Anfang, Mitte, Ende und so weiter. Da darf man nicht arg abschweifen…Laut Wikipedia geht die Geschichte der Flash Fiction zurück bis zu den Fabeln des Aesop und nahm dank der sehr kurzen Kurzgeschichten von Anton Chekhov, O. Henry, Franz Kafka, H.P. Lovecraft und Ray Bradbury Fahrt auf. Namensgeber könnten die Autoren James Thomas, Denise Thomas und Tom Hazuka sein, die ihre Werke in entsprechend betitelte Bücher packten. Ein deutsches Werk, das sich selbst als „Flash Fiction“ bezeichnet habe ich nicht gefunden.

Warm macht man so was?

Nun ist ein Tweet nicht deshalb auf 140 Zeichen begrenzt, um Zeit und Tastaturberührungen zu vermeiden – sondern zur Reduktion und weil eben diese Beschränkung reizvoll ist. Und Flash Fiction ist eine Stilform, die auch durch diese Reduzierung eine besondere, eigene Stärke bezieht. Vergesst Adjektive, Füllwörter sowieso, Beschreibungen werden nur angedeutet, der Hauptsatz und starken Verben regieren. So entsteht die Kraft des Texts im Kopf des Lesers –  und die Arbeit des Autors besteht im Vermeiden von Wörtern.

Das gefällt mir gut, wo ich doch ohnehin der Meinung bin, dass jeder Text auch durch brachiale Kürzungen gewinnen kann.

Die berühmteste Flash Fiction-Story

Die vermutlich berühmteste Superkurzgeschichte stammt von Ernest Hemmingway:

“For sale: baby shoes, never worn.”

Auf deutsch brauchen wir sogar  nur fünf Wörter: “Zu verkaufen: Babyschuhe, niemals getragen.”

Ähnliche Formen

Es gibt weitere Namen für Flash Ficition: Sudden Fiction, Fast Fiction, Microfiction, Kürzestgeschichten (?), Very Short Stories u.s.w.. Egal! Schön anschaulich ist der Begriff “Poscard Stories”, der gleich das Trägermedium mit einbezieht.

Und dann gibt es noch den – leider mittlerweile still gelegten – Twitter-Account von Florian Meimberg “Tiny_Tales“. Sein letzter 140-Zeichen-Eintrag lautet: “„Du dachtest, ich sei tot? Think again, Sweetheart!“, höhnten die bunten Buchstaben. Keuchend starrte Marie auf die Kühlschrankmagneten.“. Ganz großes Kino im Kopf!

Mit Flash Fiction ist es übrigens auch in diesem Punkt wie mit Twitter: Die Amis sind engagierter als wir Deutschen. Es gibt sogar entsprechende Webseites – und viele Ratgeber rund um die Miniaturisierung von Erzählungen. Hierzulande scheint man sich vor allem in Literaturmagazinen gelegentlich sehr kurz zu halten, ohne gleich das Label “Flash Fiction” drauf zu bebben.

Und wie schreibe ich ein Flash Fiction?

Ich versuche es mal mit Ratgeber-Überblick:

  1. Suche nach einer “kleinen” Idee in einer großen Geschichte. Du musst dabei nicht auf Tiefe verzichten, wirklich nicht.
  2. Vergiss die Vorgeschichte! Keine Erklärungen, der Leser wird sofort mit dem Thema konfrontiert.
  3. Starte mitten in einer Handlung. Etwas passiert genau jetzt! Beschleunige im ersten Satz von null auf Höchstgeschwindigkeit.
  4. Pflanze früh die Saat für das Ende der Geschichte. Um einen überraschenden Schluss zu erhalten, wirst du den Leser auf eine falsche Fährte locken. Aber vergiss nicht, dass es glaubhaft enden muss.
  5. Vermeide Ortswechsel und unnötige Personen. Rein kommt nur, wer oder was absolut notwendig ist.
  6. Vertraue auf die Phantasie der Leser – und hilf mit wirklich passenden Bildern.
  7. Geize mit jedem Wort. Aktiv ist besser als passiv, Hauptsätze sind besser als alle anderen Konstruktionen. Und Adjektive schwächen ohnehin nur die Phantasie des Lesers; weg damit!

Und, hey, das ist schwerer als man denkt. Aber ich freue mich über schöne Beispiele von euch!

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