Shakespeare-Technik: Mit Adjektiv- und Kookkurrenz-Technik zu gefühlvollen, kreativen Texten

Man könnte meinen, es sei ein alberner Trick. Doch mit der „Adjektiv- und Kookkurrenz-Technik“ machst du deine Texte – fast immer – bunter, anschaulicher, gefühlvoller und kreativer. Und es ist sooooo einfach.

Manchmal darf auch eine Wortneuschöpfung auftauchen.

Manchmal darf auch eine Wortneuschöpfung auftauchen. (Photo by Bruno Martins on Unsplash)

Was macht Sprache bunt und kreativ?

Wer die Frage nach „guter Sprache“ zehn Profi-Textern stellt, bekommt mindestens doppelt so viele Antworten. Denn kaum einer wird sich auf eine einzige Eigenschaft von kreativen und anschaulichen Texten festlegen wollen. Der eine betont die elegante Wortwahl, der andere wird kurze Sätze und starke Verben nennen. Nur in drei Punkten werden sich alle einig sein: Dein Text hat keine Chance gut zu werden, wenn du keine Lust auf das Thema, einen geringen Sprachwortschatz und keine Detailkenntnis hast. Vielleicht ist das der kleinste gemeinsame Nenner.

Schlag nach bei Shakespeare?

Was heißt das? Vermutlich, dass die Sprache „nur“ ein Transportmittel für den Inhalt ist. Zu Shakespeares Sprache notiert die (manchmal ja so weise) Wikipedia: „Shakespeare verfügte über einen umfangreichen Wortschatz: 17.750 verschiedene Wörter zählt man in seinen Werken. Charakteristisch für Shakespeare ist seine stilistische Vielfalt, die von der niedrigsten Gossensprache bis zur höchsten Hofsprache alle Sprachniveaus und -register gleichermaßen beherrscht. Besonderes Kennzeichen seiner literarischen Sprache ist der vielfältige Einsatz der Bildersprache.

Aha! Der sprachlich vielleicht größte (und populärste) Dichter der Vergangenheit konnte ebenso „elaboriert“ schreiben, wie er Gossensprache verwendete. Die „Art“ der Sprache ist also kein Kriterium für „gute Sprache“. Aber Shakespeare war vor allem wortgewaltig. Er konnte die richtigen Dinge richtig treffend benennen. Zähle doch die verschiedenen Wörter deiner Werke. Wir können froh sein, wenn wir gemeinsam ein paar tausend zusammenkratzen können – wir werden aber nicht auf 10.000 kommen. Gleichzeitig war Shakespeare ein Worterfinder. Viele Wörter der englischen Sprache tauchten bei ihm zuerst auf. Dazu ganz am Schluss noch ein paar Gedanken.

20 Adjektive, 20 Kookkurrenzen

Nun geht es aber nicht darum, möglichst viele verschiedene Wörter in einem Text zu verwenden. Das wäre Unfug. Aber wir könnten uns das Ziel setzen, möglichst originelle aber passende Wörter zu verwenden. Also nicht, das zu schreiben, was woanders schon überall steht. Nicht die Begriffe zu verwenden, die uns (und natürlich allen anderen) zuerst dazu in den Kopf kommen. Sondern vielmehr Sprachgewalt und vielleicht sogar Sprachwitz damit zu zeigen, dass wir viel bessere – für diesen Sinnzusammenhang treffendere – Wortkombinationen kennen.

Und das kann man ganz einfach und praktisch mit der „Adjektiv- und Kookkurrenz-Technik“ erledigen.

Die Technik:

  1. Benenne das Haupt-Thema deines Textes (vergleichbar mit dem Keyword für Google oder dem Kern des Küchenzurufs). Also z.B. „Zwiebelkuchen“.
  2. Finde dafür mindestens 20 Adjektive und 20 Kookkurrenzen (das sind Begriffe, die in Texten häufig gemeinsam mit dem Schlüsselwort auftauchen.
  3. Notiere dir diese aber verwende NICHT alle im Text – sondern nur die besten und passendsten.

Ein Beispiel:

Nehmen wir an, du möchtest über „Zwiebelkuchen“ schreiben. Also gut, ich fange mal an:

  • Adjektive: lecker, duftend, dampfend, herzhaft, saftig, würzig-süß, frisch

hausgemacht, deftig, schwäbisch, badisch, heiß, warm, knusprig, traditionell, dick belegt, schön fluffig…

  • Kookkurrenzen: Federweißer, Weißwein, Holzofen, Holzofenbrot, Herbst, Frankreich, Speck, Gedicht, Gäste, Käse, backen, Holztisch, Kruste, Backblech, Geschmack

Vermutlich fallen dir noch weitere ein. Und natürlich darfst du dafür alle Tools (von WDFxIDF, W-Fragen, Kookkurrenz-Tools, Thesauren u.s.w.) einsetzen. In der Tat geht es zunächst mehr um die Menge als um die Qualität.

Und natürlich fällt sofort auf, dass man etwa in Stuttgart niemals von einem „badischen Zwiebelkuchen“ schwärmen würde – und in Freiburg niemals über einen „schwäbischen“. Aber es wird auch sofort klar, dass hier die lokale Herkunft eine Rolle spielt. Und schon bist du auf ein möglicherweise spannendes Thema gestoßen: Gibt es denn Unterschiede zwischen badischen und schwäbischen Zwiebelkuchen? Haben wir da ein Thema mit den Franzosen bzw. den Elsässern? Ist der eine leicht und fluffig? Der andere möglicherweise dick belegt und süßlich? Ich weiß es nicht, denn ich muss von dem Zeug immer schrecklich pupsen und kenne mich deshalb nicht damit aus. Aber ich denke, du weißt nun, was ich meine. Oder?

Der Hintergrund: Warum das immer funktioniert

Natürlich ist die Idee dahinter, dass wir uns bei der Suche nach Adjektiven und Kookkurrenzen intensiv und strukturiert mit dem Thema beschäftigen, alle Facetten checken und uns ganz tief hinein denken. Heraus kommen – natürlich – sehr kreative Texte. Aber nicht nur das: Denn durch die intensive Beschäftigung mit unserem Thema erfahren wir viel mehr z.B. über Zwiebelkuchen, als wenn wir die gleiche Zeit darüber lesen würden. Und das ist dann kein passive Verstandes-Wissen – sondern verknüpftes aktives Wissen, das wir in dem Text unweigerlich zum Ausdruck bringen.

Und klar, das dauert dann ein paar Minuten. Aber du kannst dir fast sicher sein, dass du diese Zeit beim Schreiben wieder einsparst und am Ende einen besseren Text hast. Alle Übungen mit Teilnehmern bestätigen das ausnahmslos.

Mach den Shakespeare!

Mit etwas Übung wirst du sogar in der Lage sein, in dir das kreative Potential von Skaespeare zu erwecken. Vermutlich nicht in seinem ganzen Ausmaß. Denn der englische Dichter hatte offenbar das Glück, nichts anderes in seinem Leben zu tun als zu schreiben. Das holen wir alle nicht mehr rein.

Versuche dich auch gerne mal in Wortneuschöpfungen. Nicht „gezwungen“ und übertrieben. Aber in einem schönen Text darfst du auch mal eine Wortneudenkerei einflechten. Und es ist nie zu spät, deiner Schreibbegeisterung etwas Ausdruck zu geben. Wichtig dabei ist nur, dass dies nicht auf Kosten der Verständlichkeit des Textes geht. Aber darüber sprechen wir ein andermal.

2 Kommentare

  1. Cooler Tipp! Ich lese viele Blogs, aber Deiner hilft mir so sehr beim Schreiben und auch überhaupt zu verstehen, wie ich schreibe und wie ich das alles verbessern kann. Herzlichen Dank!

  2. Oh, wie nett von dir! Danke für das Kompliment.

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