Wir denken zu negativ! Das stimmt und ist sogar entwicklungsbiologisch zu erklären. Dass die Konsequenz daraus allerdings „Think Positive“ sein soll, ist Unfug und häufig schädlich.

Wenn es regnet, regnet es. Da hilft es auch nicht, wenn man so tut, als ob die Sonne scheint.

Wenn es regnet, regnet es. Da hilft es auch nicht, wenn man so tut, als ob die Sonne scheint. (Photo by Artem Kulikov on Unsplash)

Wenn mal wirklich alles schief läuft

Kennst du das? Du bist völlig genervt von einem unglücklich verlaufenen Gespräch mit dem Chef und die Kollegin drückt dir einen Spruch wie „So ein Ärger! Aber, hey, davon stirbt man nicht. Mach doch was Schönes und vergiss das einfach.“ Oder du erhälst eine schlimme Diagnose – und ein Bekannter rät dir fröhlich, doch einfach (!) das Gute darin zu sehen, weil „Veränderung ja immer wichtig ist.“ Und, wer weiß, wofür das gut sein werde. Das sind die Momente, an denen jedenfalls ich noch schlechter drauf komme.

Denn: Was für ein Unfug! Nichts könnte weniger mitfühlend sein! Dass man nur das Gute sehen solle und alle Probleme weglächeln soll, sagen die Leute immer nur dann, wenn sie gerade KEINE Krebs-Diagnose oder eine Gehaltskürzung bekommen haben. Wenn es IHNEN schlecht geht, jammern sie genauso wie wir. Richtig?

Jammern ist nämlich gar nicht so schlimm, sondern nur realistisch. Denn eine Faustregel für unser Leben ist: Manchmal ist es einfach Scheiße! JA: Manchmal passieren nun mal Dinge, die uns ärgern, beschämen, Angst machen oder und geradezu den Boden unter den Füßen weg ziehen. Und wenn wir versuchen so etwas wegzulächeln, ist das keine Therapie sondern schlicht „Verdrängung“. Was dann bedeutet, dass der verursachte Stress nicht verschwindet – sondern hinter dem Grinsegesicht weiterarbeitet. Und fest steht: Irgendwann oder irgendwie bahnt sich dieser Stress eben doch seinen Weg nach draußen. Aber dann weißt du nicht mehr, womit das zusammenhängt und bist dem völlig ausgeliefert.

Das heißt allerdings NICHT, dass wir uns folglich in Jammertiraden oder Grübeleien verstricken sollten: Wenn „Always Think Positive“ totaler Mist ist, ist „Always Think Negative“ mindestens genauso bescheuert. Was uns fehlt (und häufig heilt), ist dagegen wohlwollende Distanz und Realismus.

Warum wir so negativ drauf sind

Es gibt ja biologische Gründe, warum wir eher zum „Negativismus“ neigen: Wenn dich der Chef zur Sau gemacht hat, der Arzt eine schlimme Diagnose stellt oder vor dir auf der Autobahn so ein Idiot in die Spur fährt, wird mehr oder weniger schnell unser Sympathikus-System aktiviert. Dann schießt Adrenalin ins Gehirn und stellt unseren Körper auf „Flucht oder Kampf“ ein. Der Blutdruck steigt, der Muskeltonus wird erhöht, die Blasenfunktion wird auf „muss nicht“ gestellt und das Denken wird (auf das Objekt der Angst oder Wut) fokussiert. Das hat sehr viel Sinn gemacht, als wir noch in Höhlen gelebt haben und der Säbelzahntiger eine reale Gefahr war. Beim Gespräch mit dem Chef ist das natürlich wenig hilfreich. Doch darüber habe ich ja schon woanders geschrieben.

Wichtig ist allerdings zu wissen, dass dieses System als Notfallsystem funktioniert – also nicht wissentlich ein- und dann wieder ausgeschaltet werden kann. Es passiert: Ereignis > Angst oder Wut > Blutdruck hoch, Denkfunktion runter.

Damit dann der Parasympatikus, also der Erholungszustand wieder aktiviert wird (und Darm und Hirn wieder ordentlich funktionieren) ist dagegen eine Menge Zeit und ein sicheres Gefühl notwendig. Die dazugehörigen Neurotransmitter sind das Dopamin, Serotonin, Noadrenalin und Oxytocin, das Kuschelhormon. Ganz sicher werden diese NICHT willentlich oder durch den Rat eines Freundes „jetzt macht dich doch mal locker“ produziert!

Im Gegenteil!

Warum „Think Positive“ alles noch schlimmer macht

Ist klar, oder? Wenn schon dein Sympatikus ohnehin am werkeln ist, wirst du nicht nur unfähig sein, „dich doch einfach mal zu entspannen“ – sondern diese „Unfähigkeit“ spüren und dich über dich selbst ärgern oder gar Angst bekommen, weil du das nicht so „einfach“ kannst. Also noch mehr Ärger und noch mehr Angst – was für noch mehr Adrenalin sorgt. Der wohlwollende Kollege oder die an sich gute Freundin erreicht also das Gegenteil: Dir geht es durch so einen Spruch noch schlechter!

Überhaupt ist dieses „Think Positive“ ein Quell von Ärger über die eigene Unfähigkeit. Hier einige Bilder, die darunter auf Google zu finden sind.

"You will exactly as happy as you decide to be" - und wenn es dir schlecht geht, bist du ein Vollpfosten!

„You will exactly as happy as you decide to be“ – und wenn es dir schlecht geht, bist du halt ein Vollpfosten!

Ich will gar nicht abstreiten, dass es eine sinnvolle und gute Einstellung ist, alles im Leben irgendwie mit positiven Zielen zu verbinden. Natürlich möchten wir Leid vermeiden und Glück erlangen. Doch wie geht es jemandem, der an einem regnerischen Tag Liebeskummer hat und den Sonntag Nachmittag alleine in einer viel zu kleinen Wohnung verbringt? Was denkt der, wenn er liest: „Ich bin stets positiv und sehe das Gute in allem.“

Na? Zu all dem Unglück kommt noch ein Gefühl von Unfähigkeit und Verzweiflung. „Wenn ich doch nur das Gute sehen könnte, würde es mir besser gehen – aber ich bin ja sogar dafür unfähig. Warum sollte mich also jemand lieben?“ Denn, klar: Wenn ganz Pinterest und alle Schreibwarenläden voll mit solchen Sprüchen auf wunderschönen Karten sind, wird es viele Leute geben, die das können. Und du, Pfeife, schaffst das wieder nicht! Natürlich ist das Quatsch. Denn solche Grußkarten werden ja nur von Leuten gebaut, die gerade NICHT vom Partner verlassen und bei Regenwetter allein daheim sind. Aber der Stich und das Adrenalin ist einfach da…

Noch schlimmer wird es, wenn man sich auch noch Schuldgefühle machen soll. Was, wenn du seit Monaten arbeitslos bist oder richtig krank und da steht: „Dein Leben ist das, was Du daraus machst. Deine Herangehensweise an Dinge verändert die Dinge selbst.“ Nur weil DU dir eine Firma ausgesucht hast, die nachher pleite gegangen ist bist du arbeitslos oder weil DU immer so negative Gedanken hast, konnte sich die Autoimmunerkrankung entwickeln. „DEINE Schuld!“ Sagen diese hübschen Kärtchen.

Wir sind uns also einig: So geht das nicht! Sobald wir krampfhaft versuchen, zu lächeln, verzerrt sich unser Gesicht in eine hässliche Fratze und macht uns selber Angst.

Doch mit etwas Realitätssinn und ein wenig Übung lässt sich das ändern.

Wie wir anderen helfen können

Zunächst ein Ratschlag an alle, die mit Menschen zu tun haben, denen es gerade nicht gut: Spart euch Sprüche wie „Davon stirbt man nicht.“ „Das wird schon wieder.“ „Sehe das doch auch mal positiv.“. Wenn jemand Ärger, Angst oder auch nur Besorgnis hat – hat er diese aus seiner Sichtweise zurecht. Er braucht nun Mitgefühl, einen Freund, der ihn versteht und keine gut gemeinten Ratschläge von jemandem, dem die Sonne aus dem Arsch scheint. Wenn du ihm das Gefühl geben kannst, dass er trotz allem richtig ist und du ihn verstehst oder zumindest akzeptierst, kann sein Stress abklingen.

Im zweigen Schritt könnte es dich dann interessieren, wie sich die Situation für ihn anfühlt. Was ist es denn, was so Angst oder Zorn macht? Vielleicht steckt dahinter noch mehr? Vorsicht: Fange nicht an zu diskutieren. Erinnere dich immer daran, wie es dir geht, wenn du schlecht drauf bist: Dann willst du dich nicht dafür rechtfertigen – sondern manchmal vielleicht auch einfach nur jammern. Oder?

Vorsicht: Als Freund bist du kein Therapeut! Natürlich kannst DEINE äußerliche Sicht einbringen. Sagen, wie DU die Situation wahrnimmst. Aber du WEISST ES NICHT BESSER! Das ist eine Tatsache.

Wenn jemand körperliche Schwäche zeigt und damit droht umzukippen, fängst du ihn doch auf auf und diskutierst nicht mit ihm darüber, was er in den letzten Tagen alles gegessen hat. Oder?

Wie wir uns selbst helfen können

Einiges wissen wir ja nun:

  1. Es gibt Situationen, auf die wir mit Zorn, Angst oder anderen Gefühlen reagieren.
  2. Diese Gefühle haben immer mehr oder weniger gute Gründe. Entweder rein biologisch oder weil die Situation einen Knopf drückt, der etwas Größeres auslöst.
  3. Weil Gefahren früher häufig tödlich enden konnten, ist unser Körper auf den Stress spezialisiert. Die Entspannung müssen wir uns erarbeiten.
  4. Könnten wir aus einem sicheren Abstand auf unsere Situation schauen, würden wir sie vielleicht nicht ganz so bedrohlich ansehen.
  5. Allerdings… gehe wieder zurück auf 1.

Das ist eine typische Abwärts-Spirale aus der man im Akutfall nicht mal eben so aussteigen kann. Deshalb teile ich diese Tipps in zwei Listen auf:

Erstens: „Think Negative“ im Akutfall

  • Wenn gerade alles Scheiße ist, ist alles Scheiße! Erinnere dich an deinen Sympathikus, die Neurotransmitter und versuche nicht, gegen deine Biologie zu arbeiten.
  • Adrenalin macht dich zur Flucht oder zum Kampf bereit – also zu körperlichen Höchstleistungen. Schon mit einem Spaziergang (oder anderem, mäßig anstrengenden Sport) lässt es sich zumindest teilweise abbauen.
  • Meide Menschen mit guten Ratschlägen, “Think Positive“-Pinterestsprüche und jeden Hinweis darauf, dass man ja einfach nur positiv denken muss. Wenn dir diese Flucht nicht gelingt, habe Nachsicht mit all diesen Menschen. Du weißt ja nun, dass ihnen in deiner Situation auch nicht die Sonne aus dem Hintern scheinen würde.
  • Versuche, etwas Distanz zwischen dich und die Situation zu bringen. Schreibe – vielleicht per Automatischem Schreiben oder ins Tagebuch – auf, was wirklich schlimm ist und warum das so schlimm ist. Ja, du darfst jammern! Versuche allerdings so analytisch wie möglich zu jammern.
  • Dann schau nach, ob es vielleicht ein paar Dinge gibt, die NICHT schlimm sind, die sich nicht ändern oder die vielleicht sogar eine Chance bieten. Denn die zweite Regel unseres Leben ist: Wenn etwas Scheiße ist, ist vermutlich nicht alles Scheiße.

Zweitens: Realistisches „Think Positive“ im Regelfall

  • Wenn es dir gerade nicht superschlecht geht, behandle Menschen, denen es schlecht geht, so, wie du behandelt werden möchtest: Spare dir Ratschläge. Übrigens auch die Ratschläge unter „Erstens“ hier. Den Link hier kannst du ihnen schicken, wenn das Adrenalin ein wenig abgeklungen ist – aber versuche nicht schlau zu sein. Höre einfach zu, habe Verständnis, dass es ihnen schlecht geht und frage sie, wie sich das anfühlt. Spüre nach, wie sich das wiederum für dich anfühlt.
  • Schreibe Tagebuch, übe Automatisches Schreiben und alle anderen Übungen, die dir helfen, dich selbst zu erkunden. Damit bekommst du im Akutfall schneller Distanz und kannst die Situation besser analysieren.
  • Trainiere dein System darauf, die positiven Dinge ebenso intensiv zu erleben, wie die negativen. Das geht am einfachsten mit einem Glückstagebuch oder den Drei Guten Dingen.
  • Sprich mit den „Think-Positive“-Anhängern über den Unsinn Ihres Tun. Sag ihnen, dass es manchmal auch einfach nicht toll ist – weil wir Menschen sind. Und welchen Druck ein Spruch wie „Das kann man auch positiv sehen“ machen kann. Führe diese Diskussion für dich (weil das deine Haltung festigen wird) und für die ganze Welt.
  • Like nie mehr einen Spruch auf Pinterest oder Facebook, den du nicht lesen willst, wenn es dir gerade schlecht geht.

Danke!

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