Eine schärfere Position, drei Jahre später
Als ich 2023 geschrieben habe, dass es gute Gründe gibt, Texte auch ohne KI zu verfassen, war das eine Bauchentscheidung gegen den Hype. Heute, drei Jahre und ein paar hundert KI-gestützte Texte später, ist daraus eine begründete Überzeugung geworden. Mit unbequemem Befund: Wer dauerhaft mit KI schreibt, verlernt das Schreiben. Das ist seit 2025 nicht mehr Spekulation, sondern messbar. Und genau deshalb solltest du wieder mehr ohne KI schreiben, als du heute glaubst.
Was ich 2023 noch nicht wusste
Im Sommer 2023 war ChatGPT acht Monate alt, GPT-4 frisch verfügbar und die Debatte drehte sich um die Frage: Soll man oder soll man nicht? Ich hatte damals fünf eher intuitive Gründe aufgeschrieben, warum auch das Schreiben ohne KI seinen Wert behält. Ehrlich gesagt: Manche meiner Punkte waren noch zaghaft formuliert.
Heute weiß ich: Sie waren zu zaghaft.
In meiner Erfahrung aus dem Arbeitsalltag mit Schreibteams hat sich nicht eines dieser Argumente abgeschwächt. Mehrere haben an Gewicht gewonnen. Und einer hat eine wissenschaftliche Bestätigung bekommen, die ich damals nicht hatte.
Die unbequeme Nachricht aus dem MIT
Im Juni 2025 hat das MIT Media Lab eine Studie veröffentlicht: Your Brain on ChatGPT. Forscher haben dabei die neuronalen und kognitiven Auswirkungen der ChatGPT-Nutzung beim Schreiben untersucht. Probanden mussten Essays schreiben – die einen mit ChatGPT, die anderen mit Google, die dritten ohne beides. Gemessen wurde per EEG. Science Blogs
Die Ergebnisse sind beunruhigend.
Häufige ChatGPT-Nutzung beim Schreiben führte zu geringerer Gehirnaktivität, schlechterem Erinnerungsvermögen und weniger kreativem Denken. Konkret: 83,3 Prozent der ChatGPT-Nutzer konnten bereits in der ersten Sitzung keine korrekten Zitate aus ihren eigenen, wenige Minuten zuvor erstellten Essays reproduzieren. TKPScience Blogs
Lass das einen Moment sacken. Die Leute konnten ihre eigenen Texte nicht mehr zitieren. Texte, die sie gerade selbst (mit) geschrieben hatten.
Die Forscher haben dafür einen Begriff eingeführt: kognitive Schulden. Langfristige Nutzung von ChatGPT kann zu einer „Akkumulation kognitiver Schulden“ führen – verminderte kognitive Leistungsfähigkeit ohne KI-Unterstützung. Die Konsequenz: Auch wenn du irgendwann wieder ohne KI schreiben willst – dein Gehirn kann es dann schlechter als vorher. Golem.de
Mir ist aufgefallen: Genau das hatte ich 2023 unter dem Punkt „Schreiben trainiert meine Sprachfähigkeit“ geahnt. Ich konnte es damals nur als persönliches Empfinden formulieren. Heute ist es eine Hypothese mit Hirn-Scans.
Vier Argumente, die heute schwächer geworden sind
Im alten Text hatte ich vier Gründe aufgeführt, warum KI beim Schreiben hilft. Drei davon halten nur noch eingeschränkt.
„KI schreibt schneller“ – stimmt nur noch für einen Bruchteil der Schreibarbeit. Wer Texte mit Persönlichkeit, Nuance oder einer These produziert, verbringt mit KI oft mehr Zeit. Das Prompten, das Prüfen, das Umarbeiten in die eigene Stimme – das frisst die Zeitersparnis auf. Schnell ist KI nur bei dem, was sowieso austauschbar ist.
„KI macht weniger Fehler“ – als Lektorat-Werkzeug weiterhin stark. Aber als Schreibwerkzeug produziert sie heute eine neue Kategorie Fehler: konzeptionelle Fehler, die grammatikalisch sauber sind. Halluzinierte Statistiken, plausible Quellen, die nicht existieren, Argumentationsketten, die sich auflösen, sobald man sie ernst nimmt.
„KI weiß mehr als ich“ – stimmt für Fakten, aber: Wer braucht heute eine Sprachmaschine, um Fakten nachzuschlagen? Das ist die Aufgabe einer Suchmaschine oder einer Wissensdatenbank. Bei einer KI-generierten Antwort weißt du nie, was hineinhalluziniert wurde.
„KI zwingt mich zu klaren Briefings“ – dieser Punkt hält. Das Schreiben von Prompts ist eine Schule des Denkens. Aber: Du kannst diese Denkschule auch ohne KI machen. Sie heißt klassisch „ein Konzept schreiben“.
Was wirklich auf dem Spiel steht
Hier wird es interessant. Was wir bei der ganzen Effizienz-Debatte übersehen, ist die Frage: Was tust du eigentlich, wenn du schreibst?
Schreiben ist nicht die Verschriftlichung fertiger Gedanken. Schreiben ist der Prozess, in dem Gedanken überhaupt erst entstehen. Beim Schreiben merkst du, ob du etwas verstanden hast. Beim Schreiben fallen dir Verbindungen ein, die du im Kopf nie gefunden hättest. Beim Schreiben entsteht deine Stimme – die Art, wie du Sätze baust, wo du Pausen setzt, was du betonst, was du auslässt.
Wenn du das auslagerst, lagerst du nicht eine Tätigkeit aus. Du lagerst einen Denkprozess aus.
Das bedeutet konkret: Texte, die du komplett mit KI produzierst, hinterlassen weniger Spuren in dir. Du wirst zum Verwalter deiner eigenen Inhalte. Du erkennst deinen eigenen Text nicht mehr wieder, weil du ihn nie gedacht hast.
Und für deine Leser:innen? Die merken das. Vielleicht nicht beim ersten Text. Aber bei zehn, zwanzig, dreißig. Texte ohne Denkbewegung lesen sich glatt – und vergessen sich glatt. Das ist die Definition von AI Slop: Inhalte, die alle Form haben und keine Reibung.
Drei Regeln, die ich mir setze
Damit das hier kein Manifest bleibt, sondern Praxis wird, hier meine eigenen Regeln. Ich halte sie nicht perfekt ein – aber sie strukturieren meinen Schreiballtag.
Regel 1: Den ersten Entwurf schreibe ich selbst. Egal ob Blogpost, Konzept, Mail mit Substanz. Der erste Wurf ist mein Wurf, auch wenn er rau ist. Erst danach kommt die KI ins Spiel – als Sparringspartner, als Korrektorat, als jemand, der mir alternative Formulierungen vorschlägt. Aber die Grundsubstanz ist meine.
Regel 2: Bei allem, was meinen Namen trägt, schreibe ich die Schlüsselsätze selbst. Die These am Anfang. Die Überschriften. Der Schluss. Das sind die Stellen, an denen Stimme entsteht. Wenn ich die abgebe, bin ich austauschbar.
Regel 3: Einmal pro Woche schreibe ich einen Text komplett ohne KI. Klingt nach wenig. Ist aber Training. Wie Krafttraining: Du machst es nicht, weil du es musst, sondern damit du es noch kannst, wenn du es brauchst.
Was bleibt
Vor drei Jahren habe ich diesen Text mit einem versöhnlichen „beides ist richtig“ beendet. Das war damals fair. Heute wäre es Ausweichen.
Die Wahrheit, wie ich sie nach drei Jahren sehe: KI verändert nicht nur, wie wir schreiben. Sie verändert, wer wir sind, wenn wir mit dem Schreiben fertig sind. Wer das nicht im Blick hat, verliert nicht nur einen Skill – sondern auch einen Teil seines eigenen Denkens.
Das heißt nicht: KI weg vom Schreibtisch. Das heißt: KI dosiert, KI bewusst, KI für die richtigen Aufgaben.
Und immer wieder: ohne KI. Mehr, als du glaubst.


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