Kreativ schreiben: 30 kurze Übungen

Es gibt offenbar einen Wettstreit, wer mehr Übungen fürs Kreative Schreiben hat. Also: Ich kann mehr als 7, 11 und sogar 25. Hier findest du tatsächlich 30 kurze Übungen, mit denen du kreativ schreiben lernst. Garantiert!

Photo by Johannes Plenio on Unsplash

Das Problem bei dieser Masse an Übungen ist: Sie helfen nicht! Jedenfalls, wenn man sie einfach nur durchliest. Deshalb empfehle ich eigentlich nur eine Übung, mit der du ganz sicher nicht nur kreativer wirst sondern auch mehr über dich lernst: das Automatische Schreiben. Aber das ist für einige Leute vielleicht einfach nichts. Deshalb hier meine Liste von Übungen, unter denen garantiert auch einige sind, die auch dir Spaß machen.

Aber, bitte: Du musst es auch tun! Vermutlich wirst du diese Seite nun durchscrollen und der einen oder anderen Übung denken, dass sie ganz lustig oder clever ist und du sie unbedingt mal machen solltest.

Dann: BITTE. TU. ES. Am besten sofort. 

Es ist ein wenig wie Zähneputzen: Wenn wir uns nicht regelmäßig darum kümmern, haben kaputte Zähne. Und wenn du den Kreativitäts-Muskel nicht ständig trainierst…

1. Üben, üben üben (21 mal)

Man sagt ja dass sich eine solche Gewohnheit nach etwa drei Wochen einstellt. Wenn du es also schaffst, 21 Tage am Stück täglich vielleicht zehn Minuten mit einer Schreibübung zu verbringen, bist du sicher.

Mein Tipp: Versuche, es immer zur gleichen Uhrzeit zu machen und erkläre das zu einer diskussionsfreien Zone. Es gibt KEINEN Grund, warum du nicht täglich diese zehn Minuten Zeit hast. KEIN Tagesablauf eines Menschen im 21. Jahrhundert gibt das nicht her. Denn du kannst auf Papier, auf deinem Handy oder auf deinem Computer schreiben. Völlig egal! Jede Ausrede ist pure Selbstverarschung!

2.Wer kotzt dich so richtig an? Beschimpfe ihn

Dich hat wieder jemand genervt? Vorhin in der Schlange bei Edeka? Oder dein Kollege? Lass es raus! Beschimpfe ihn oder sie. Und zwar ohne die übliche Political Correctness, mit der wir Mitteleuropäer gemeinhin unser Zusammenleben organisieren. Schreibe alles auf, was du denkst.

Jetzt gibt es keine Denkverbote. Sei ungerecht, un-feministisch, rassistisch, überheblich, banal – einfach angepisst und ehrlich! Zehn Minuten lang sollte das doch mal möglich sein. Oder?

Und dann denke noch mal drüber nach. Mache dir bewusst, warum du normalerweise anders redest und schreibst…

3. Schreibe wie du sprichst – nur besser

Viele Blogs und Texte ungeübter Autoren klingen gestelzt. Das ist kein Wunder: Denn diese Kollegen denken, dass Schriftsprache etwas Künstliches und Elaboriertes sei. Ist sie aber nicht. Eigentlich sollten wir so schreiben, wie wir sprechen. Nur eben besser: Wir verzichten beim Schreiben auf alle Ähs und Öhs, wir dürfen weniger redundant sein (müssen also nicht jede Information mehrfach wiederholen) und wir verlangen vom Leser etwas mehr Aufmerksamkeit.

Aber wieso sollte die Wortwahl anders sein? Warum sollten wir längst ausgenuckelte Formulierungen statt einer frischen Sprechsprache verwenden?

Probiere doch mal das: Nimm deine Gedanken per Handy auf und höre dir dann selbst ein wenig zu. Vielleicht findest du so deine Stimme und wird es etwas flüssiger.

4. Nimm alle Wörter weg, die du nicht brauchst

Wenn das Wort „allerdings“ in einem Text steht, kann es Sinn machen – tut es allerdings meist nicht. Deshalb hätte ich gerne eine Textverarbeitung, die mir solche Wörter markiert. Online geht das z.B. mit dem Füllwörter-Test vom Schreiblabor. Der hat nur den Nachteil, dass ich darin nicht schreiben kann. Deshalb bräuchte ich eine solche die Funktion in Ulysses – mit dem ich meine Texte schreibe. Oder in Word.

Egal: Du kannst dich auch mental darauf trainieren, alle unnötigen Wörter bei einem Redigiervorgang noch einmal zu überprüfen. Denn es gilt: Kurze Sätze und kurze Wörter sind verständlicher als lange Sätze und lange Wörter. Diese lassen sich nicht immer vermeiden – sollten aber gezielt eingesetzt werden.

Also: Checke jeden deiner Texte vor der Veröffentlichung noch eimal auf unnötige Wörter. Und, ohje, ich weiß: Du findest hier eine Menge davon – vielleicht ist es eine gute Übung, jetzt und hiermit damit anzufangen?

5. Zeigen, nicht beschreiben

Was ist der Unterschied zwischen „sein Artikel ist wirklich langweilig“ und „spätestens nach zwei Absätzen schlummern die Leser weg“? Der erste Satz erklärt, beschreibt die Wirkung eines Artikels, der zweite Satz zeigt, wie es den Lesern geht. Keine Frage: Der zweite Satz ist eindrücklicher und lesenswerter. Dafür gibt es eine Menge Gründe. Erstens ist ein gutes „Zeigen“ gehirngerechtes Mini-Storytelling, zweitens tauchen dabei meist Menschen auf (was Menschen immer mögen) und drittens wird damit die Nähe zur Zielgruppe gezeigt.

Wenn du etwas zeigst, ist das eher wie der Schuss aus einem Präzisionsgewehr statt aus seiner Schrotflinte. Ein Schuss, der allerdings auch daneben gehen kann…

Deshalb, meine Empfehlung: Wo immer dir das konkrete Verständnis des Lesers am Herzen liegt, ringe um eine echt gute „Zeigen“-Formulierung. Überanstrenge dich aber nicht und lasse woanders ordentliche „Beschreibungen“ zu.

Und hier kommt die Zehn-Minuten-Übung dazu: Nimm dir einen Text von gestern oder einen Zeitungsartikel und dekliniere jede Beschreibung in eine „Zeigen“-Formulierung um.

6. Metaphern, Metaphern, Metaphern

Wo die Regel „zeigen nicht beschreiben“ steht, ist der Ruf nach Metaphern nicht weit! Denn ein guter (!) Vergleich ist die Königsdisziplin des „Zeigens“. Ich weiß nicht, wie es dir mit meiner Metapher oben mit dem Schrot- und den Präzisionsgewehr gegangen ist – aber in aller Regel kann ich damit den Unterschied zwischen Beschreiben und Zeigen ganz gut erläutern.

Doch zuerst das leider nicht berühmte „Kubitzsche Metaphern-Gesetz“: „Wenn dir keine großartige Metapher einfällt, verwende KEINE Metapher!“ Also bitte:

  • keine ausgelatschten Metaphern („Nadel im Heuhaufen“)
  • keine schiefen Metaphern, („vor Wut in mein Apple-Notebook beißen“)
  • nur Metaphern, die die Zielgruppe verstehen kann (Vergleiche in der „Game of Thrones“-Welt machen eine breite Zielgruppe eigentlich nur ratlos.)

Am einfachsten trainierst du deine Metaphernfähigkeit, wenn du im Laufe des Tages viele Vergleiche ziehst: „Der Typ da sieht doch aus wie ein Kranich.“ „Diese Arbeit ist ja wie das Stochern im Ozean.“

7. Haiku trainieren

Wenn du erst einmal ein paar gute Haikus lesen möchtest, ist das vermutlich eine gute Quelle. Und hier meine knappe Definition eines Haikus:

  • Das Haiku ist kurz. (ca. 10- 17 Silben)
  • Das Haiku besteht häufig aus drei Zeilen.
  • Das Haiku ist konkret und gegenwärtig, beschreibt die Gegenwart und steht im Präsens
  • Das gelungene Haiku sagt nicht alles, löst einen Gedankenblitz aus.
  • Das Haiku wertet nicht!

Ich werde nicht versuchen, die Geschichte und das Wesen von Haikus zu beschreiben. Das ist auch gar nicht notwendig. Ich bitte dich lediglich, einen Haiku zu – denken. Genau: 17 Silben sind kurz genug, um sie im Kopf hin und her zu schwingen. Mach es so: Nimm eine Haiku-Idee mit auf deinen Tag und formuliere daran immer dann herum, wenn du etwas Leerlauf hast. Am Ende schreibe ihn auf.

8. Schaue hin, schaue genauer hin

Das ist eine Listenübung: Wähle einen klar abgegrenzten Sichtbereich, zum Beispiel alles, was im Fenster zu sehen ist. Beginne nun, eine Liste all der Dinge zu schreiben, die du siehst. Schau hin, zähle auf. Wenn du glaubst, alles aufgezählt zu haben, schaue noch genauer hin. Schließe die Augen – und schau noch mal hin. Noch länger. Mindestens zehn Minuten. Das wird dir ziemlich lange erscheinen. Aber beobachte, wie sich deine Beobachtungsgabe in dieser Zeit verändert. Studiere danach noch einmal die Liste und genieße.

9. Eine Story in 3 oder 5 Wörtern

Ich liebe Redundanz und gehöre nicht zu denen, die alles in maximal 100 Wörtern sagen möchten. ABER: Das ist eine großartige Übung, eine ganze Story auf drei oder fünf Wörter zu reduzieren. Lass uns das mal versuchen. Den Film Forrest Gump könnte man mit fünf Wörtern vielleicht so beschreiben: „beschränkt, Zufälle, Laufen, wahre Liebe“. Fallen dir bessere Wörter ein? Vermutlich, dann arbeite daran. Du wirst merken, das ist gar nicht so einfach. Aber es hilft, die Essenz zu erkennen.

10. Was macht Pippi Langstrumpf eigentlich heute?

Das ist meine Lieblingsübung! Ich weiß, dass Automatisches Schreiben nützlicher und „5 Wörter, ein Text“ kreativer ist. Aber ich liebe es, das Steuer eines meiner Lieblingsbücher zu übernehmen. Die Idee dahinter ist: Wie geht das Leben nach dem Happy End (oder einem Drama) weiter? Wo und wie würde Pipi Langstrumpf heute leben? Hätte sie sich mit ihren mittlerweile 90 Jahren nach Taka-Tuka-Land zurück gezogen? Und gibt es dort nun auch Tourismus? Was wurde aus Annika und wann geht Tommy in Rente? Welchen Beruf hatte er? Ich denke, der Sinn und der Spaß dieser Übung leuchtet dir sofort ein. Ich hoffe es von Herzen!

11. Schreibe für einen Blinden

Wie möchtest du einem Menschen ohne Sehkraft das Zimmer beschreiben, in dem du gerade bist? Nimm an, dass dieser Mensch schon blind zur Welt gekommen ist und du möchtest ihm einen Raum und seinen Inhalt „zeigen“. Du weißt, er hat einen stark ausgeprägten Tastsinn, er kann sehr gut riechen und hört natürlich überdurchschnittlich. Wenn es um Speisen und Getränke geht, kannst du den Geschmackssinn hinzu nehmen. Beginne mit einem Möbelstück, versuche es mit dem Computer auf dem Tisch und arbeite dich dann durch das ganze Zimmer.

Und ja, ich weiß: Ein Blinder kann nicht lesen. Aber stell dir einfach vor, dein Text wird ihm vorgelesen…

12. Automatisches Schreiben

Das ist eine der kraftvollsten Übungen – nicht nur, wenn es ums kreative Schreiben geht. Das Automatische Schreiben trainiert deine Achtsamkeit, verhilft dir zu einem tieferen Blick in dein Innerstes und schärft deinen Stil. Kurz zusammen gefasst ist die Anweisung diese: Nimm einen Stift und schreibe zehn Minuten lang auf, was dir im Kopf herum geht.

Wenn du mehr darüber wissen willst, geht es hier lang.

Übrigens: Du kannst – nach etwas Übung – deine Gedanken im Automatischen Schreiben auch in eine kreative Richtung lenken. Wenn du zum Beispiel die nächste Übung erledigen willst, ist das Automatische Schreiben ein guter Einstieg.

13. Was macht Donald Trump gerade?

Wir lesen jeden Tag darüber, was Donald Trump wieder angestellt hat. Dann schütteln alle Kommentatoren digital ihre Köpfe und versuchen zu bewerten, welchen Schaden er damit wieder angerichtet hat.

Aber hast du dir schon einmal ganz konkret vorgestellt, wie Donald Trump auf dem Sofa sitzt und einen seiner bescheuerten Tweets ins Handy eintippt? Wie redet der eigentlich mit den Security-Leuten? Wie reagiert er, wenn er die die Texte der Kommentatoren liest? Auch eine interessante Perspektive: Was würdest du wohl erleben, wenn du einen Job im Weißen Haus – zum Beispiel in der PR-Abteilung – antreten würdest?

Das ist natürlich nicht nur auf Donald Trump begrenzt: Was macht Robby Williams nach einem Konzert vor 80.000 Menschen genau? Wie würde es sich anfühlen, mit Angela Merkel zu einer Wahlkampfveranstaltung nach Sachsen zu fahren – als Chauffeur? Du merkst schon: Es geht darum, die Menschen hinter den Ereignissen zu erspüren.

14. Sammle Zitate und „Frames“

Das ist – streng genommen – keine Übung sondern eine Hilfe: Ab heute solltest du zu jeder Zeit ein Notizbuch (egal, ob aus Papier oder digital wie etwa Evernote) mit dir herum tragen und jedes Zitat, jeder kluge Satz und jeder Frame, den du entdeckst, dort eintragen.

Was meine ich mit „Frame“? Das sind Wortfenster, durch die du auf eine ganze Themen-Landschaft schauen kannst. Wenn du etwa die Wörter „Maria und Josef“ liest, ist völlig klar, dass es um die Bibel und die Geburt Jesu geht. Wenn jemand „das muss man doch mal sagen dürfen“ sagt, dann denken wir alle an… ach, du weißt schon. Das sind Frames. Wir können dank ihnen mit wenigen Worten sehr viel sagen – vorausgesetzt, deine Zielgruppe hat die gleiche Perspektive wie du.

15. 5 Wörter, ein Text

Suche dir fünf zufällige Wörter (vielleicht hier oder durch blindes Aussuchen in einem Buch) und schreibe in zehn Minuten einen Artikel (eine Story oder einen Fachartikel) in dem alle diese Wörter enthalten sind.

Das ist so ziemlich die älteste Übung, um kreatives Schreiben zu üben, die ich kenne. Und es ist immer wieder faszinierend, welche Ergebnisse dabei heraus kommen, wenn wir da in einem Kreativ-Schreiben-Kurs machen…

16. Sinnlose Wörter definieren

Nun wandeln wir die vorherige Übung ein wenig ab und generieren uns sinnlose Wörter (z.B. hier). Diese kannst du auch in einen Text einbauen (in meinen Seminaren mische ich für die Teilnehmer immer ein sinnloses Wort zwischen die fünf zufälligen Wörter oben. Das sorgt für große Augen…)

Aber du kannst natürlich auch versuchen, das Wort „Semilotion“ endlich mal zu definieren. Schön sind auch manche Wortschöpfungen wie „abgabegestresst“ oder „wochenendbereit“, die die ZEIT mit ihrer Frage „Wie geht es uns“ generiert. Naja, das sind keine sinnlosen Wörter – aber vielleicht benötigen diese eine klare Definition?

17. Was würde Albert Einstein dazu sagen?

Albert Einstein steht in diesem Fall für jemanden, der besonders klug ist. Vielleicht nimmst du aber auch einen anderen klugen Menschen oder ein Vorbild. Und diesen befragst du gedanklich zu einem kniffligen Thema, das dir gerade schwer im Magen liegt: Wie sagt man seinem Kollegen, dass er nach alten Socken riecht? Wohin soll es im nächsten Jahr in den Urlaub gehen? Stelle Einstein diese Frage und lasse ihn – schriftlich – darauf antworten. Ich bin mir ziemlich sicher, dass er dir weiter helfen kann.

18. MindMapping

Nun, ich liebe MindMaps und verwende sie immer dann, wenn es komplex wird: Wenn ich ein neues Seminar plane oder einen komplizierten Sachverhalt in einen Artikel gießen will. Es ist aber ganz gut, wenn man vor dem ersten echten Einsatz ein bisschen damit geübt hat. Deshalb bastle für dich nunbitte eine MindMap zum Thema „MEINE Übungen fürs Kreative Schreiben“.

Du brauchst ein Tool? Versuche es doch mal mit MindMeister, die mag ich am meisten.

19. Scanne deinen Körper

Das ist eine echte Achtsamkeits-Übung: Schieße die Augen und checke JETZT deinen Körper. Gehe durch jeden Teil und beobachte, was dort gerade los ist. Dein rechter Oberschenkel drückt auf den Rand des Stuhls? Beide Schultern sind angespannt? Sitzt der Kopf mittig auf dem Hals? Presst du die Lippen zusammen? Ändere nichts, beobachte nur. Welche Gefühle gehen dir gerade durch welchen Körperteil? Wie kannst du sie spüren?

Allein dieser Körperscan wird dir gut tun. Aber wir möchten hier ja deine Kreativität verbessern. Deshalb benenne alle Empfindungen und Gefühle möglichst konkret. Finde vielleicht Vergleiche oder beschreibe das Empfundene möglichst detailliert.

20. Mach es besser – schlechte Texte optimieren

Haben wir uns nicht alle schon eimal über schlechte Texte aufgeregt? (Ich hoffe, es gehr dir gerade beim Lesen dieses Beitrags nicht so…)

Also: Warum nur aufregen? Wir verbessern unsere Qualitäten vor allem dann, wenn wir Schwächen und Stärken BENENNEN können. Wenn wir also formulieren, warum GENAU ein anderer Text schlecht ist. Mache also genau das beim nächsten Artikel, von dem du wenig hälst, weil es eh nur ein SEO-Text oder stilloses Gelaber ist. Und dann: Mach es besser! Nimm dir ein paar Minuten Zeit, um den Text zu retten.

Dann hast du hast dreifach gewonnen: Erstens übst du das Benennen von Fehlern, zweitens übst du dich im stilvollen formulieren und drittens lernst du zu redigieren. Auch das ist eine Kunst.

21. Feedback geben

Was wir in der Übung zuvor im Kopf gemacht haben, wollen wir nun etwas systematisieren. Und zwar anhand des Text eines Kollegen – oder anhand eines eigenen. Verwende dafür das Feedback, das wir in unseren Kursen immer anwenden. Dies ist ein Dreisprung:

1. Sag, was dir an dem Text gut gefällt (oder notiere es dir besser)

2. Sag, was daran noch zu verbessern ist

3. Schlage vor, wie du es verbessern würdest

Bei diesem Feedback geht es darum, möglichst viel zu lernen. Deshalb werden auch die guten Aspekte benannt. Wenn du das für einen Kollegen machst, wird er auf jeden Fall davon profitieren denn er weiß vermutlich nicht so genau, was er wirklich gut macht. Und danach hilfst du ihm auch noch, seine Schwierigkeiten zu überwinden. Für dich ist mindestens genauso viel Gewinn drin. Denn wenn du Qualitäten benennen kannst, hast du sie schon zur Hälfte gelernt. Und mit den zwei Verbesserungs-Punkten lernst natürlich, Texte konkret zu verbessern.

22. Schreibe mit der linken (rechten) Hand

Leider wird dich diese Übung nach den ersten Minuten irre machen: Wenn du Rechtshänder bist, nimm den Stift in die linke Hand und schreib. Wenn du Linkshänder bist, dann probiere es mit rechts.

Das schult natürlich jeweils die andere Hälfte des Gehirns und trainiert vermutlich so ziemlich jede beteiligte Synapse. Aber es verlangsamt auch dein Denken immens. Und das tut manchmal sehr, sehr gut.

23. Schreibe ein paar Morgenseiten

Das ist eine Abwandlung oder sogar Intensivierung des Automatischen Schreibens: Wenn du morgens aufwachst, sollst du als allererstes (also am besten noch im Bett) drei DinA 4 Seiten von Hand schreiben. Das dauert etwa 20 Minuten und es wird dich überraschen, was du dabei alles aufschreibst. Da du gerade aus dem Schlaf aufgetaucht bist, stehst du noch mit einem seelischen Bein in deinem Unbewussten. Das ist eine unglaublich starke Quelle für Gedanken. Diese sind nicht immer klug oder produktiv – aber es sind deine Gedanken und du wirst spüren, wie eng sie zu dir gehören.

Vielleicht noch ein Tipp: Treffe vielleicht eine Woche lang jeden Abend mit dir ganz fest die Vereinbarung, dass du auf jeden Fall morgen früh schreiben wirst. Denn du brauchst am Morgen alle inneren Kräfte, um das wirklich hin zu bekommen…

Falls du mehr über die Morgenseiten erfahren willst, erfährst du sehr viel in „Der Weg des Künstlers. Ein spiritueller Pfad zur Aktivierung unserer Kreativität“ von Julia Cameron.

24. Lese Literatur

Wer definiert eigentlich, was guter Stil ist? Eigentlich niemand, meistens erkennt man ihn irgendwie. Aber natürlich nur, wenn man sich darin auch passiv schult. Deshalb lese so oft wie möglich großartige Autoren, die um jede Metapher kämpfen und aus jedem Verb die maximale Beschleunigung heraus holen. Lies manchmal einfach nur – aber nimm dir ab und an auch den ganzen Spaß und lese professionell, indem du genau analysierst (und benennst) was an diesem Absatz oder dem Kapitel so gut geschrieben ist. Wen ich empfehlen kann? Nun: Donna Tartt, Erich Kästner, George Orwell, Paul Auster, Ernst Hemingway und natürlich T.C. Boyle. Wer fällt dir noch ein?

25. Schlage nicht jede Zeit tot sondern sieh und denke auch

Natürlich darfst du auch Zeit totschlagen. Vermutlich brauchen wir das auch hin und wieder. Aber versuche, vielleicht etwas weniger auf Facebook oder mit einem Handygame Zeit zu verdaddeln wenn du etwa im Zug sitzt. Schau auch mal aus dem Fenster, nimm wahr, was dort zu sehen ist und denke darüber nach. Was mag das für ein Mensch sein, der dort hinten auf seinem Traktor sitzt und bei Gluthitze das Feld bestellt? Wohin führen all diese Kabel, die neben und über den Gleisen her führen? Sucht dieser Vogel dort Beute? Oder schaukelt er nur so durch die Luft? Genießen es Vögel eigentlich, wenn sie fliegen? Immer, wenn ich mich von meinem vielen Displays löse und Dinge beobachte, kommen mir solche Gedanken. Und ich habe das Gefühl, das tut mir gut.

26. Mache Listen, mache sie länger

Was würdest du gerne tun? Was haßt du? Wohin möchtest du endlich mal reisen? Wer sind deine Freunde? Wen möchtest du mal wieder sehen?

Du kannst über alles eine Liste anlegen. Ich weiß, das klingt lächerlich – weil wir all diese Dinge doch in unserem Kopf haben. Aber glaube mir: Zwischen dem „irgendwo im Kopf haben“ und eine Liste dazu anzulegen, liegt sehr viel Strecke – die unserer Klarsicht zugute kommt.

Der wichtigste Tipp dabei: Wenn du eine Liste angelegt hast und fertig bist – dann denke noch etwas länger drüber nach und mache sie noch länger. Und das sind meist die besten Einträge darauf.

27. Menschen: der erste Eindruck zählt

Eine hübsche Übung für unterwegs: Während du durch die Stadt läufst, fixiere eine zufällige Person (die du nicht kennst) und formuliere für dich ganz schnell ihr hervorstechendstes Merkmal. Der eine läuft wie ein Kranich, die andere hat eine allzu bunte Halskette oder einen verträumt-verzerrten Gesichtsausdruck. Was auch immer: Suche das stärkste Signal und stelle dir vor, wie es dazu gekommen ist. Erzähle dir schnell diese Mini-Story und suche dir dann die nächste Person mit dem nächsten Merkmal.

Damit übst du, genau hinzuschauen und schnell Geschichten zu erfinden. Allerdings solltest du das wirklich nur mit Menschen machen, die du nicht kennst und auch nicht kennen lernen wirst. Denn dieser erste Eindruck wird ganz schön lange hängen bleiben. Und das könnte ungerecht sein.

28. Was du fühlst du gerade?

Nun noch eine kleine Achtsamkeitsübung: Was fühlst du gerade? Vielleicht streiten gerade mehrere Emotionen um deine Aufmerksamkeit. Versuche sie einzeln zu umreißen und zu beschreiben. Dazu gehört, wo genau im Körper du das Gefühl spürst. Ungeduld vielleicht im Magen, Hektik dagegen im Brustbereich. Oder ist das bei dir anders? Und wie schaut es mit positiven Gefühlen wie Liebe oder Sehnsucht aus? Wo wirken die? Und wie stellst du dir – nach dieser Erkenntnis – einen Menschen vor, der gerade von Ungeduld, Hektik, Liebe oder Sehnsucht geflutet wird? Wie wird der schauen? Wie hält er seinen Oberkörper? Wie bewegt er sich? DAS sind die Informationen, die deine Texte in Zukunft stärker machen.

29. Prozess vor Inhalt

Wenn ich es geschafft habe, dein Interesse für die eine oder andere Übung zu wecken, dann habe ich schon gewonnen! Aber aus meiner Zeit als Projektmanager weiß ich, dass der Prozess wichtiger als der Inhalt ist. Damit meine ich: So unterhaltsam oder nützlich dir diese Übungen zum Kreativen Schreiben vorkommen, du wirst nur durchs Ziel gehen, wenn du übst. Und dafür brauchst du einen Plan und nicht nur Begeisterung. Deshalb überlege dir – am besten schriftlich – wann du in den nächsten Tagen Zeit und Lust aufs Schreiben hast. Picke dir dann die Übungen heraus, die es dir angetan haben und arbeite sie durch. Glaube mir: Du brauchst einen solchen Plan!

Ja, ich weiß: Das klingt jetzt nach Arbeit. Aber hast du jemals einen wirklich guten Autoren sagen hören, dass er nur Spaß und Unterhaltung beim Schreiben verspürt? Eben!

30. Schreibe, wo und wann du kannst

Wenn du auch nur einen Teil dieser Übungen regelmäßig machst, verspreche ich dir zwei Dinge: Erstens wirst du in wenigen Wochen zu einem besseren Autor werden. Und zweitens wirst du ständig irgendwas irgendwohin schreiben. Der Trick ist, das Schreien nicht gezwungenermaßen durchzuziehen – sondern gerne zu schreiben, vielleicht sogar schreiben zu müssen. Und da helfen dir ein paar kleine Tools:

  • Suche dir angenehme Schreibgeräte und Schreibunterlagen, die du immer bei dir trägst. Die einen führen ein schickes Notizbuch und einen Füller spazieren, andere Tippen gerne in ihr iPhone. Beides – und alles, was dazwischen liegt – kann gut sein. Aber gewonnen hast du erst, wenn dir irgendwann beim Schreiben einfällt, dass du ja eigentlich noch deine Mails checken und in Facebook vorbei gucken wolltest – das aber ganz vergessen hast.
  • Schreibe auch, wenn du nur kurz Zeit hast – und vielleicht keine Idee, WAS du schreiben willst. Fang dann einfach an. Nimm den Gedanken, der ganz oben auf deinem Gedankenstapel liegt und schreibe. Und genieße das Ergebnis.
  • Wenn dich beim Schreiben ein Gedanke ereilt, dass du jetzt aber schnell die Person anrufen solltest, über die du gerade geschrieben hast, Oder dir fällt ein, dass du Essen machen solltest: schreib weiter. Denn das sind häufig Reflexe des Unbewussten, mit denen es dich von einem heiklen aber wichtigen Thema ablenken will. Du bist jetzt ganz nahe dran – schreib weiter.
  • Ach ja, eins noch: Überlege, wie viel Zeit du mit dem Lesen und Schreiben von weitgehend sinnlosen oder zumindest immer wiederkehrenden Beiträgen auf Facebook verbringst. Nimm die Hälfte dieser Zeit – und schreib!

Ich spare uns ein Schlusswort oder ein Fazit. Denn ich hoffe, du liest es eh nicht. Ich hoffe, du suchst gerade nach einem Stift oder einer schicken Textverarbeitung, mit der du in Zukunft deine wirklich wichtigen und kreativen Dinge aufschreibst.

Photo by Johannes Plenio on Unsplash

Ein Kommentar

  1. Hallo und vielen Dank….
    Ich bin Fotograf und Kameramann. Storytelling ist das Zauberwort nicht nur im Journalismus. Auch in der Fotografie und in der Filmproduktion sowieso.
    Ich stoße immer wieder an meine Grenzen was das Schreiben betrifft, und kenne meine Defizite ganz genau. (Oh je hätte ich mal besser in der Schule aufgepasst) Deine Seite ist genau das was ich schon lange gesucht habe.
    Das ist eine echte Hilfestellung, und wird mich die kommenden Wochen täglich begleiten.
    Danke für deine Mühen. Weiter so und weiterhin viel Erfolg.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.