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Das Unbewusste wahrnehmen: Intuition lernen

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Gerade hast du an jemanden gedacht – und schon ruft er an. Das war Intuition. Und wenn sie uns „trifft“, fühlt sich das seltsam an. Wichtig zu wissen: Wir alle verfügen über diese Gabe. Und meist über – oder unterschätzen wir sie. Hier die Grundlagen zur Intuition und einige Übungen, um sie zu erlernen.

Hier stimmt etwas nicht. Sagt meine Intiution. (Foto: Eric)
Hier stimmt etwas nicht. Sagt meine Intiution. (Foto: Eric)

Was ist Intuition?

Die Fähigkeit, ohne bewussten Einsatz des Verstandes beliebige Sachverhalte, Zusammenhänge oder Gesetzmäßigkeiten zu erkennen, nennt man Intuition. Ähnliche Begriffe sind: Bauchgefühl, Geistesblitz, Instinkt oder gar Weisheit. Wer von Intuition spricht, meint damit die Wahrnehmung von Einsichten, die aus einem Unbewussten kommen.

Auch die Wissenschaft streitet nicht ab, dass es Intuition gibt. Der US-Forscher Milton Fisher sagt: „Der Verstand, den Menschen einsetzen, um vermeintlich kluge Entscheidungen zu treffen, ist begrenzt und macht nur einen kleinen Teil unseres tatsächlichen Wissens aus. Dennoch handelt es sich, wenn wir eine Intuition haben, um den Abruf von Informationen, die wir einmal über unsere fünf Sinne wahrgenommen und gespeichert haben.“

Nun, wenn das so ist, können wir Intuition lernen.

Welche Rolle spielt das Unterbewusste bei der Intuition?

Alles Unbewusstes spielt eine entscheidende Rolle bei der Entwicklung und dem Einsatz unserer Intuition. Dieses Unbewusste ist sozusagen ein Reservoir an Erfahrungen, Erinnerungen und Wissen, das wir im Laufe unseres Lebens angesammelt haben. Zunächst nehmen wir alles auf, was wir sehen, hören und erleben. Manches vergessen wir schnell, andere Erinnerungen verblassen und manche bleiben uns nur verborgen – aber sie bleiben.

Und, obwohl wir uns nicht immer bewusst darüber sind, nutzen wir diese Informationen kontinuierlich, um Entscheidungen zu treffen und auf Situationen zu reagieren. Deshalb heißt es ja „Unbewusstes“.

Die Intuition ist nun eine Form, in der sich das Unterbewusste ausdrücken kann. Manchmal haben wir das Gefühl, eine richtige Entscheidung zu treffen – auch wenn wir nicht genau erklären können, warum. Wir WISSEN, dass etwas richtig oder falsch ist, kennen aber die konkreten Gründe dafür nicht. Das geschieht, wenn das Unbewusste aufgrund seiner schnellen Informationsverarbeitung bereits eine Einschätzung der Situation vorgenommen hat, die uns in Form einer intuitiven Empfindung erreicht.

Einschub: Bis zu diesem Punkt reden wir übrigens von einer rein psychologischen Intuition. Es gibt auch eine spirituelle Intuition, die noch weit darüber hinaus geht. Dazu weiter unten mehr.

Und klar: Diese Form der Intuition trainierst du, indem du auf das eigene Bauchgefühl hörst und diesem mehr Vertrauen schenkst. Vielleicht untersuchst du auch die genauen Gründe für dieses Bauchgefühl und kannst damit den Zugriff auf diese unbewussten Hebel schulen. In den Übungen weiter unten gehe ich darauf ein.

Bias statt Intuition

Allerdings sollte das Vertrauen zum eigenen Bauchgefühl seine Grenzen haben. Manchmal spielt uns das Unbewusste nämlich eine falsche Intuition vor. Und das ganz zurecht: Denn unser Denken kennt zwei unterschiedliche Formen:

  • Das schnelle, intuitive Denken: Das sind die intuitiven Schätzungen, die wir aufgrund unserer Erfahrungen und Erlebnisse im Unbewussten vornehmen. Wenn wir etwa eine Person nach nur wenigen Augenblicken als sympathisch empfinden – weil sie vielleicht die Augen oder ein Lachen von Menschen hat, die wir als sympathisch kennengelernt haben.
  • Das langsame, berechnete Denken: Dieses setzen wir nur dann ein, wenn wir es als nötig ansehen. Denn dieses ist viel anstrengender und benötigt viel Zeit. Vielleicht bemerken wir erst nach einem längeren Gespräch, dass diese zunächst sympathisch wirkende Person ziemlich unangenehm ist.

Dummerweise sind wir Menschen recht denkfaul. Deshalb überwiegt das schnelle Denken, wie uns Daniel Kahneman in seinem Buch „Schnelles Denken, langsames Denken“ erklärt hat. Und haben wir uns erst einmal ein (falsches) Urteil gebildet, bleiben wir dabei. Das ist das Problem bei der Sache.

Ein weiteres Problem bei diesen sogenannten „kognitiven Verzerrungen“, englisch „Bias“ ist, dass wir sie vielleicht bei anderen erleben und sehen – aber nicht bei uns. Deshalb empfehle ich dir die sehr unterhaltsame Lektüre des Artikels über Kognitive Verzerrungen in der Wikipedia. Und falls du der Meinung bist, dass du frei von jedem Bias bist, schicke mir eine E-Mail. Dann möchte ich dich gerne kennenlernen. 🙂

Wichtig ist also zu vermerken: Es gibt Intuition und diese ist eine Form des schnellen Denkens. Aber wir müssen vorsichtig sein, ob wir damit nicht einem Denkfehler aufsitzen.

Sind Frauen intuitiver als Männer?

Wer behauptet, dass Frauen besser intuitiv denken können, irrt sich. Eine Studie zeigte, dass Intuition KEIN weibliches Phänomen ist. Allerdings denken die Frauen, es sei so: In einer Erhebung mit 15.000 Teilnehmenden wurden zwei Fotografien mit einem echten und einem „falschen“ Lächeln gezeigt. Doch zunächst wurden die Probanden nach ihrer Selbsteinschätzung gefragt:

  • Bei der Selbsteinschätzung, ob sie das falsche Lächeln eher erkennen würden, antworteten die Frauen mit 77 Prozent mit „ja“.
  • Sie lagen damit weit vor den Männern, die sich mit 58 Prozent „intuitiv“ einschätzten.

Tatsächlich erkannten die Männer das falsche Lächeln beim anderen Geschlecht aber mit 76 Prozent, die Frauen lagen nur in 67 Prozent der Fälle richtig. Betrachtet man die Einschätzung über beide Geschlechter hinweg, lagen Männer und Frauen mit 72 und 71 Prozent richtigen Beurteilungen praktisch gleich auf.

Interessant daran ist also nicht nur, dass Männer ebenso intuitiv sind wie Frauen. Sondern auch die Tatsache, dass die Intuition beim Blick auf das andere Geschlecht besser zu funktionieren scheint. Möglicherweise ist das schon ein Fall von gesellschaftlichem Bias – denn es herrscht nun mal das Vorurteil, dass Frauen intuitiver sind als Männer.

1. „Psychologische“ Intuition

Unstrittig ist also, dass es Intuition gibt und sie nicht aus dem Nichts kommt. Woher genau, darüber herrscht keine Einigkeit. Die Psychologie sagt, dass „Eingebungen“ nur kommen, wenn wir schon viel zu einem Thema wissen – und unsere „Eingebungen“ aus diesem entsteht. In diesem Fall kommt die Intuition also von „Wissen“, das im Unterbewussten zu einem Impuls führt.

Das ergibt Sinn: Ein Schachspieler kann mit einem Blick ein komplexes Spiel „lesen“, weil es sein Unterbewusstsein in Windeseile analysiert. Oder so ließe sich die Intuition eines erfahrenen Personalchefs über die Einschätzung von Bewerber:innen so erklären, dass sein Unterbewusstsein treffsicher die richtigen Signale am Aussehen und Verhalten eines Bewerbers erkennt.

Wenn man das so sieht, ist Intuition keine göttliche Eingebung.

Und damit ist diese Gabe trainierbar: Lerne, erlebe und erfahre viel. Lasse immer wieder los und erlaube deinem reichen Unterbewusstsein, schnell und spontan eine intuitive Entscheidung zu treffen. Und, ja: Das braucht Übung – siehe unten.

2. „Spirituelle“ Intuition

Falls du ein spiritueller Mensch bist, wirst du den Zugang zu deinen Impulsen vielleicht als Botschaft einer allwissenden Quelle oder eines gemeinsamen Ur-Wissens sehen. Deine eigenen Erfahrungen werden für dich zwar wichtig sein – doch die „Eingebung“ kommt aus einer anderen Quelle.

Ich selbst mag nicht an ein höheres Wesen oder eine Matrix glauben, die uns alle durchdringt. Andererseits gilt: Dass etwas nicht bewiesen ist, kann auch den Grund haben, dass es nicht ausreichend erforscht wurde. Es gab Zeiten, da sagte die herrschende Forschung, dass die Erde flach sei. Hätte sich Kolumbus nicht trotzdem auf den Weg gemacht – wäre es vielleicht ganz anders mit dem Kontinent auf der anderen Seite des Atlantiks gelaufen.

Also: Möglicherweise ist etwas dran an „spiritueller Intuition“. Ich möchte das nicht ausschließen.

Aber auch in diesem Fall ist die Intuition trainierbar: Durch das Lernen von Vertrauen zu sich selbst und das Loslassen. Also ganz ähnliche wie die psychologische Intuition

Wie auch immer: Sowohl die psychologische als auch die spirituelle Intuition haben ihre Berechtigung und sogar ähnliche Lernwege.

Wie kann man Intuition lernen?

Viele Menschen beschreiben den Moment, in dem wir eine intuitive Eingebung haben als sehr angenehm. Also nicht nur das Ergebnis ist dann fantastisch, es ist auch ein Genuss, dorthin zu kommen. Vergleichbar ist dieses Gefühl mit manchen Meditationserfahrungen, aber auch mit Begriffen wie „Vertrauen“, oder „Selbstbewusstsein“.

Das lässt den Schluss zu, dass wir zwei Bereiche üben können:

  1. Erstens können wir die Grundlage schaffen, auf der Intuition „geschehen“ kann. Hierbei geht es hier um Erfahrung und Detailwissen, andererseits benötigen wir Vertrauen in und uns unsere Fähigkeiten. Am besten beides.
  2. Zweitens müssen wir lernen, den – meist leise geflüsterten – „Vorschlag unseres Unbewussten“ zu hören und ihm zu vertrauen. Das ist ungleich schwerer. Denn während wir gerade verzweifelt nach einer Lösung für ein kniffliges Problem suchen, müssen wir entspannen und dieses leise Flüstern hören. Das scheint unmöglich. Ist es aber nicht.

Die Übungen

Du kannst sofort damit beginnen, deine Intuition zu nutzen: Scrolle über die Übungen und suche dir nur eine einzige aus, mit der du startest. Alle benötigen Zeit und die meisten lassen sich sonderlich gut miteinander kombinieren. Also suche dir eine oder zwei aus, übe eine Weile und komme dann wieder …

1. Schritt: zur Ruhe kommen & Selbstwahrnehmung schulen

Zur Vorbereitung und Grundlage müssen wir die Achtsamkeit schulen. Das ist schnell erklärt: Nur wenn du genauer in dich hinein lauschen lernst, wirst du die zarte Stimme der Intuition hören und sie von den groben Bewertungen trennen lernen.

Übrigens ist Intuition nicht unbedingt eine Stimme. Manche sehen Bilder, andere bauen ihre innere Welt aus Beziehungen oder noch ganz anderen Prinzipien auf.

Welche „Sprache“ dein Bauch auch immer spricht: Nur, wenn du gelernt hast, genau darauf zu achten, wirst du seine Botschaften verstehen. Und bitte: Niemand (!) kann dir sagen, wie du denkst! Du musst das selbst beobachten.

Das Angebot zum Erlernen von Achtsamkeit ist so groß, dass ich dir hier keine umfangreichen Empfehlungen geben will. Aber ich möchte dir eine einfache Meditation zeigen, mit der du mindestens die Grundlagen spüren wirst – und möglicherweise reicht das schon. Lies dir den Text dafür ein oder zweimal durch und mache sie dann. Vermutlich brauchst du für all das nicht mehr als zehn Minuten:

Check-in: eine kleine Achtsamkeitseinführung

Setze dich aufrecht aber bequem hin (wenn du das ein paar Mal gemacht hast, kannst du es auch im Stehen oder Liegen machen), entspanne ein wenig und schließe die Augen. Spüre den Stuhl dort, wo du auf ihm sitzt, und die Füße, wo sie auf dem Boden stehen. Wenn du möchtest, kannst du jederzeit deine Haltung ändern – aber du kannst auch alles so lassen, wie es ist. Atme nun bewusst.

Beobachte deinen Atem, wie er an die Nasenspitze kommt, durch die Luftröhre strömt und die Lungen füllt. Dabei hebt sich vermutlich dein Brustkorb und der Bauch. Dann beobachte ihn, wie er wieder hinausströmt. Bleibe ein paar Atemzüge bei dieser Beobachtung.

Nun mache einen Kurz-Check durch deinen Körper: Zwickt etwas? Hast du Schmerzen? Bist du verkrampft? Ist dir kalt? Oder an manchen Stellen warm? Kalt? Nimm diese Empfindungen nur wahr. Du musst nichts ändern. Nur beobachten. Lasse dir dafür ein wenig Zeit.

Dann wende dich deinen Gefühlen zu: Was geht gerade ab? Bist du ungeduldig? Oder entspannt? Gibt es eine Angst oder eine Wut, die dich gerade „zwickt“? Wo genau? Und wie fühlt sich das an? Versuche, nicht über die Gründe nachzudenken und versuche schon gar nicht, das Gefühl beiseitezuschieben. Fühle es einfach nur. Beobachte, was es mit dir macht und was du mit ihm machst, während du es beobachtest. Nimm dir auch dafür ein wenig Zeit. Vielleicht so lange, bis es dir langweilig wird.

Dann nimm dich kurz als gesamten Körper wahr, fokussiere auf deinen Atem und schließlich wieder auf Stellen, an denen deine Füße und die Sitzhöcker den Boden und den Stuhl berühren. Öffne langsam die Augen und atme noch ein oder zweimal tief ein und aus. Fertig.

Im Ernst: Mehr brauchst du zunächst nicht zu tun. Wenn du diese Übung eine Zeit lang – so täglich wie möglich – in deinen Tag einbaust, wird sich deine Achtsamkeit entwickeln. Vielleicht wirst du Lust auf mehr oder kompliziertere Achtsamkeitstrainings haben. Die wirst du dann rasch finden. Versprochen!

Eine weitere Möglichkeit, Achtsamkeit zu schulen ist, alltägliche Gewohnheiten – etwa das Essen – immer wieder sehr aufmerksam zu beobachten. Statt nebenher zu lesen oder dich zu unterhalten, setze dich vor den Teller und nimm dir für jeden Bissen Zeit. Kaue, schaue, schmecke und schlucke langsam und aufmerksam. Spüre auch hin, was diese Langsamkeit in dir auslöst.

Oder versuche es doch mal mit Achtsamkeits-Impulsen. Dafür habe ich die Happy Habitlist gebaut.

2. Intuitives (automatisches) Schreiben

Wer schon einmal auf meiner Seite hier war, wird wissen, dass ich ein großer Fan des „Automatischen Schreibens“ bin. Das ist so eine Art natürliches Breitband-Antibiotikum für viele Fragen des seelischen Gleichgewichts. Und ja, natürlich ist das auch zur Schulung von Intuition ein großartiger Weg. Denn:

  1. Der vereinfachte und standardisierte Schreibvorgang synchronisiert die Gehirnaktivitäten und lässt dich in einen achtsamen Zustand gleiten.
  2. Die (nach ein wenig Training) geschriebenen Inhalte stammen nicht mehr nur aus den bewussten Denkvorgängen, sondern auch aus dem Unbewussten.

Das sind genau die Elemente, die wir für die Intuition benötigen. Und das Automatische Schreiben kann sogar noch mehr: Wenn du dich darauf einlässt, wirst du in einen Dialog mit dir selbst kommen. Dann wirst du dir beim Schreiben vielleicht auch Fragen stellen („Was soll ich denn jetzt davon denken?“) und diese gleich beantworten.

Ich bin mir sicher, es wird dich verblüffen, wie ernst du in diesen Dialogen gelegentlich über deine Intuition „sprechen“ wirst. Das ist sehr nützlich. Denn dadurch kannst du erfahren, wie sie sich anfühlt, in welchen Situationen sie dich unterstützt und wo (noch) nicht. Alles Punkte, die dir beim weiteren Lernen helfen werden.

Ideal ist es, wenn du dieses Automatische Schreiben mit einem Tagebuch oder einem Journal verbindest – also täglich deine Gefühle und Erfahrungen notierst. Das wird deine Fähigkeiten besonders stärken.

3. Gefühle zulassen und ehrlich beobachten

Bei all dem ist es notwendig, das zarte Gefühl der Intuition überhaupt kennenzulernen, um es im richtigen Moment zu erkennen. Das ist für uns Menschen verdammt schwer. Aber gehen wir es an.

  1. Erinnere dich an mehreren Tagen jeweils mindestens dreimal (zum Beispiel auf dem Weg zur Arbeit, in der Mittagspause und beim Unterhaltungsprogramm am Abend) an diese Übung und prüfe kurz deinen Gefühlsstatus. Das muss nicht umfangreich sein wie bei der Meditation oben. Es reicht, wenn du kurz prüfst und benennst, was du gerade eigentlich fühlst. Im besten Fall notierst du dir das Ergebnis in Stichwörtern: welche Gefühle? Wo und wie fühlst du sie? (In aller Regel fühlen wir meist nicht nur EIN Gefühl wie Wut oder Hektik, sondern finden darunter noch andere wie Angst oder Gier. Deshalb hier die Mehrzahl.)
  2. In möglichst vielen Situationen, in denen Gefühle aufwallen, beobachte währenddessen oder kurz danach, was genau abgeht. Beginne mit dem Erkennen des Gefühls, prüfe den Teil im Körper, in dem es zu fühlen ist und seziere es so gut wie möglich. Am besten notierst du das natürlich auch wieder. Bei dir wallen keine Gefühle auf? Was ist mit dem Autofahrer, der dir die Vorfahrt nimmt? Was empfindest du, wenn dein Kind den ersten Schritt tut oder eine Sechs in Mathematik nach Hause bringt? Wie fühlst du dich vor dem Gespräch mit dem Chef oder vor deinem Vortrag vor Kollegen? Wie fühlt sich ein Kuss oder eine Umarmung von einem geliebten Menschen an? Alles hervorragende Möglichkeiten, diese Studien zu betreiben.

4. Spüre auch deine heimlichen Gefühle

Mal ganz ehrlich: Ob wir nun besonders gefühlsbetont sind oder nicht – einige Gefühle möchten wir am liebsten gar nicht wahrhaben. Ich zähle mal einige auf:

  • Eifersucht: Wer eifersüchtig ist, ordnet sich ja jemandem unter – und hat schon verloren. Etwas, was wir einfach nicht wahrhaben wollen. Hast du schon mal gesagt „ja, darauf bin ich eifersüchtig“?
  • Gier: Auch das klingt nach Schwäche. Na gut, bei Schokolade geben wir es zu. Aber Gier auf Alkohol oder auf mehr Macht? Wer würde das vor sich oder gar vor anderen zugeben?
  • Verzweiflung: Das ist ein langsames, aber dann sehr mächtiges Gefühl. Wir sind ratlos, brauchen Hilfe und glauben auch an diese nicht mehr. Das darf es scheinbar heute nicht mehr geben.
  • Einsamkeit: Diese erkennen wir auch nur bei anderen – niemals an uns. Denn es gibt ja genug Ablenkung. Soziale Medien und so. Wenn wir einsam sind, dann versteckt sich das wohl eher hinter Wut oder Angst.
  • Erhoben sein: so etwas wie „Arroganz“. Auch das erkennen wir nur an anderen. Vermutlich sitzt dieses „Erhoben sein“ auf einer Art von Einsamkeit und damit auf Wut oder Angst.
  • Scham: Na ja, das liegt in der Natur dieses Gefühls. Wir schämen uns, Scham zu verspüren. Auch über all die anderen hier genannten Affekte würden wir uns schämen – wenn wir sie uns gestatten würden.

Du merkst den Unterschied? Dass wir auf jemanden wütend sind, erzählen wir meist sehr freizügig (wenn ER abwesend ist). Und auch über Angst haben wir gelernt zu reden.

Doch nun zur Praxis:

Wann und worauf bist du eifersüchtig? Über wen fühlst du dich erhoben? Worüber schämst du dich? Und so weiter. Gestatte dir in guten Momenten (weil dich das in ohnehin schlechten Momenten wirklich anpissen würde) einen Blick auf deine miesen Gefühle. Sei ehrlich: Worauf bist du wirklich gierig? Und woran könntest du momentan verzweifeln?

Und wieder: Wie fühlt sich das genau an? Wo zeigt es sich wie im Körper?

5. Augen und Ohren auf: die Interpretationsfähigkeit schulen

Nach der etwas düsteren Sache eben hier etwas für die reine Wahrnehmung und die Interpretationsfähigkeit. Also Fähigkeiten, die wir sofort jederzeit benötigen und einsetzen können. Intuition hin oder her.

Die Augen-Auf-Übung: 

Registriere eine Weile alles, was du sonst nicht sehen würdest. Sei jeden Moment sehr wach, achte auf Details und bilanziere Zusammenhänge:

  • Wie sind die Menschen auf der Straße angezogen?
  • Worüber unterhalten sich die zwei Personen in der U-Bahn?
  • Welche Sprechpausen machen sie? Wie reden sie?
  • Wie voll sind die Geschäfte, an denen du vorbeiläufst?
  • Wie reagieren die Kollegen, wenn du in den Raum kommst?
  • Was wird bei der Arbeit gesprochen?
  • Worüber redest du mit wem heute?
  • Wie häufig nimmst du dein Handy zur Hand? Was tust du dann damit?

Das kann ganz schön anstrengend sein. Deshalb schlage ich dir vor, das vielleicht gelegentlich an einem Vormittag oder an einem Nachmittag oder Abend zu trainieren. Vielleicht nur eine Stunde. Aber bitte bedenke: Training darf auch mal anstrengend sein. Wenn du auf einen Marathon trainierst, ist das auch mit Mühen verbunden …

6. „Spontane Menschenkenntnis“

Eine lustige Übung, die Spaß macht und niemals schiefgehen kann:

Die Person rechts: Was ist auffällig? Woher hat sie das Merkmal und wo geht sie hin? Los – ganz schnell!

Während du durch die Stadt läufst, schaue spontan eine Person, die dir entgegenkommt, ganz kurz an und beantworte folgende Fragen:

Was empfinde ich an dieser Person am auffälligsten?
Was ist die Geschichte hinter diesem Merkmal?
Wohin geht diese Person
?

Wenn dir also eine gut gekleidete, ältere Dame mit Turnschuhen entgegenkommt, wird dir vielleicht der Gedanke in den Kopf kommen, dass sie Schmerzen an den Füßen hat und zum Orthopäde geht. Ein Manager mit einem Aktenkoffer aus Schlangenleder wird diesen vielleicht von seiner Frau geschenkt bekommen haben – und gerade auf dem Weg zu seiner Freundin sein.

Du merkst: Deine „Stories“ müssen nicht naheliegend sein. Und du musst dich auch nicht an der grauen Realität orientieren. Lass dir einfach was einfallen.

Und denke nicht einmal daran, etwas davon zu überprüfen. Das ist in diesem Fall vollkommen unnötig. Es geht nur darum, die Grenzen deiner Gedanken etwas auszuweiten.

7. Begib dich in gefährliche Situationen

Wenn du schon etwas Vertrauen in dich und deine Intuition entwickelt hast, kommt hier das ultimative Training:

Begib dich unvorbereitet in gefährliche Situationen und beobachte, wie gut du sie bewältigst.

Einige Beispiele:

  • Wenn du merkst, dass eine Besprechung mal wieder in der Bedeutungslosigkeit versinkt, ergreife das Wort und beginne mit dem Satz „So können wir nicht weiter machen. Ich bitte euch …“ und hoffe dann auf gute Einfälle.
  • Wenn dich eine Person freundlich (oder unfreundlich) anschaut, trete zu ihr und beginne ein Gespräch – worüber auch immer.

Du merkst, was ich meine? Das sind die Situationen, die wir versuchen zu vermeiden, damit wir uns jederzeit sicher fühlen. Aber eigentlich können wir sie bewältigen. Doch dazu benötigen wir ein gutes Gespür, ein Bauchgefühl – die Intuition. Und wenn wir uns freiwillig in eine solche Situation begeben, werden wir merken, dass wir sie überstehen – und noch mehr Vertrauen zu uns entwickeln. Voilà.

8. Die direkte Schulung

Tja, und dann kannst du natürlich die Intuition direkt trainieren. Eigentlich immer und überall:

  • Wirf eine Münze und rate vorher, ob sie mit Kopf oder Zahl landen wird.
  • Wenn das Telefon klingelt – rate erst, wer dran sein könnte: Wenn dich jemand sprechen will (natürlich auch an der Tür oder sonstwo) dann schaue nicht sofort auf das Display, sondern halte einen kleinen Moment ein und rate, wer es sein könnte.
  • Wann fährt die nächste U-Bahn? Ist die Ampel an der Kreuzung da vorn rot oder grün? Wird die Person, die ich anrufen will, rangehen oder nicht? Stelle dir im Laufe des Tages immer wieder solche Fragen, beantworte sie (aus dem Bauch heraus) und merke dir deine Erfolgsquote.
  • Apps und Spiele: Schau mal in die App-Stores oder in den Spielehandel. Es gibt einige technische (und manchmal auch sehr unterhaltsame) Produkte zum Thema „Intuition schulen“. 

Das alles soll dir natürlich zeigen, dass du schon über Intuition verfügst. Und diese auch trainieren kannst. Außerdem kannst du damit vielleicht auch schon etwas spüren, wie sie sich „anfühlt“, damit du in Zukunft mehr auf dieses leise Gefühl hören kannst.

Die Bonus-Übung für alle: Bias prüfen

Zusätzlich könntest (oder solltest) du dich mit deinen kognitiven Verzerrungen beschäftigen. Ich habe weiter oben empfohlen, die entsprechende Seite in der Wikipedia dazu zu lesen. Jetzt schlage ich dir vor, alle diese Denkfehler zu finden.

Und zwar bei anderen (das ist die einfache Übung), aber auch bei dir: Immer, wenn du ein bewertendes Gefühl oder eine unklare Entscheidung triffst, wirf einen Blick auf die Denkfehler und überlege, welchem Bias du gerade auf den Leim gehst. Hier einige von den typischen – mit denen ich schon Bekanntschaft gemacht habe:

  • Ankereffekt: Deine bewusste Entscheidung folgt einem ersten, unbewusst entstandenen Reiz (Jemand ist wunderhübsch und du hältst diese Person deshalb für schlau.
  • Attributionsfehler: Ein beobachtetes Verhalten (das ja vielleicht zufällig ist) wird als Charaktereigenschaft gedeutet.
  • Beharren auf Überzeugungen: Der ersten Hypothese folgen – auch, wenn die Tatsachen dieser bei genauerem Blick widersprechen.
  • Besitztumseffekt: Etwas erscheint wertvoller, weil es dir gehört.
  • Bestätigungsfehler, Confirmation Bias: Informationen aus einer großen Masse so auszuwählen, dass sie die Erwartungen bestätigen.
  • Verzerrungsblindheit: Der Glaube, sich für unbeeinflussbar zu halten.
  • Default-Effekt: Diejenige Option zu bevorzugen, die eintritt, wenn keine Entscheidung getroffen wird.
  • Dunning-Kruger-Effekt: Das eigene Können zu überschätzen und das Können der anderen zu unterschätzen.
  • Halo-Effekt: Von einer bekannten Eigenschaft einer Person auf nicht bekannte Eigenschaften zu schließen.
  • IKEA-Effekt: Was du selbst gebaut hast, ist wertvoller als das gleiche Produkt aus Massenproduktion.
  • Katastrophisieren: Weil es vorstellbar ist, wird das schlimmste eintreten.
  • Mitläufereffekt: Der Erfolg anderer führt dazu, sich ihren Handlungsweisen anzuschließen. Siehe Bitcoin 😉
  • Moralische Lizenzierung: Nach einem guten Tag ohne schlechtes Gewissen eine schlechte Tat machen zu können.
  • Rückschaufehler: Im Nachhinein die Erinnerung an eigene Vorhersagen zu verfälschen.
  • Selbstüberschätzung
  • Spielerfehlschluss: Unabhängige, aber aufeinanderfolgende Ereignisse sind voneinander abhängig.
  • Verfügbarkeitsheuristik: Beispiele, an die wir uns erinnern, werden als wahrscheinlicher wahrgenommen.

Der sichere Weg: Schlaf darüber

Keine Schulung der Intuition im engeren Sinne ist diese Empfehlung: Wenn du etwas Wichtiges zu entscheiden hast, schlaf darüber!

Was wie ein altes Sprichwort klingt, hat ganz klar biologische Hintergründe: Der Schlaf ist zwar bisher nicht endgültig erforscht, aber einiges steht unter Psychologen mittlerweile fest. Darunter die Tatsache, dass unser Gehirn in der Nacht sozusagen „ausgemistet“ wird. Die Erlebnisse des Tages werden mittels eines sogenannten „Mustervergleichs“ in schon bestehende Muster einsortiert oder als unwichtig aussortiert. In jedem Fall schlafen wir unfertig mit dem tagsüber Erlebtem ein und haben dies am Morgen (falls wir genug geschlafen haben) in unser Wach-Bewusstsein einsortiert. Da ist es ja logisch, dass am nächsten Morgen so mancher Streit oder Deal ganz anders aussieht als am Abend davor.

Und weil das so ist, kann unser Schlaf zu einer institutionalisierten Intuition werden. Denn erst, wenn wir träumen, ist unser Wachbewusstsein wirklich mal still und lässt das so viel klügere Unbewusste die passendere Entscheidung treffen.

Also, streng genommen, ist dies gar keine Übung, sondern ein Praxistipp: Dank unseres Gehirns kann jeder von uns über Nacht intuitiv sein. Und das sogar im Schlaf.

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