Ich gebe zu, dieser Beitrag fiel mir schwer! Erst musste ich mich fragen, ob ich überhaupt „gendern“ will. Und dann hatte ich große Mühe, zumindest diesen Beitrag gut gegendert zu schreiben.

Ja, es war echt schwer, “gendern” hier zu bebildern. Und ich bin mir nicht ganz sicher, ob das jetzt „PC“ ist. Zugegeben, das dritte Geschlecht fehlt. Hast du eine bessere Bild-Idee? (Foto von Michael Prewett auf Unsplash)

Jedenfalls ist die Diskussion über eine faire, gleichberechtigte Sprache auch bei einigen meiner beratenen Redaktionen angekommen. Deshalb stand das Thema „gendern“ für mich dringend an. Und, siehe da: Ich bin sogar selbst vom Ergebnis meines Meinungsbildungsprozess überrascht.

OBACHT: Ich versuche, zumindest auf dieser Seite alles richtig zu machen. Das führt – da ich ungeübt bin – zu inhaltlichen Konzentrations-Dellen und möglicherweise zu falscher Genderei. Bitte entschuldigt dies und weist mich freundlich auf die Fehler hin. Danke!

Warum gendern?

Beginnen wir mit den vielen, guten Gründen, NICHT mit einem Binnen-I, einem Schrägstrich oder einem Gendersternchen oder gar Gender-Gap den Lesefluss zu stören:

  • Das macht Texte umständlich und Verständlichkeit ist ja das wichtigste Maß für den Schreibstil.
  • Wieso sollen Schreibende etwas ändern, was schon immer gut funktioniert hat?
  • Das ist ein Luxusproblem, das vermutlich den ersten grünen Politikerinnen im Bundestag beim Stricken eingefallen ist!
  • Und nun auch noch die neutrale Form. Wer weder Mann noch Frau ist – hat doch ganz andere Probleme, als per Gender-Gap betütelt zu werden.
  • Welche Widerstände hast du?

Ich gebe zu, ganz frei war ich von solchen Gedanken nicht – und manchmal taucht das immer noch auf: Denn während ich in meinen Schreibseminaren eine Ode auf kurze Wörter, kurze Sätze und maximale Verständlichkeit singe – verkompliziere ich den Text danach mit Gendersternchen. Ist das wirklich richtig?

Ja, liebe LeserInnen! Das ist richtig! Und zwar aus guten Gründen.

Ich halte Sprache unzweifelhaft für unsere wichtigste Kulturtechnik. Wenn diese also nicht mehr in die Zeit passt, muss sie sich ändern – oder geändert werden. Ja, das kostet Energie und stößt auf Widerstand. Doch unter dem Strich ist das eine Frage von Fairness und Gleichberechtigung. Und zwar zu einem guten Zweck.

Denn in einer Gesellschaft, in der ernsthaft diskutiert wird, ob der Klimaschutz (und damit die Zukunft der Welt) aus „Gerechtigkeit gegenüber den Pendlern“ geopfert werden sollte – erscheint eine sprachliche Fairness für Gleichberechtigung als gerechtfertigt vielleicht sogar als notwendig.

Doch, um es vorweg zu sagen: Ich werde mein restliches Leben nun nicht dem Binnen-I verschreiben. Ich erkenne zwar die Notwendigkeit einer Genderisierung an und werde diese – wenn möglich – selbst betreiben. Allerdings nur so, wie ich auch finde, dass Flugbenzin besteuert werden soll weil Billigfliegen eine Sauerei ist – aber trotzdem hin und wieder in ein Flugzeug steige.

Wo und wann gendern?

Klar, hier geht es ums gendern in Texten, vor allem auf Webseiten. Allerdings empfinde ich die Notwendigkeit (und die Komplexität) beim Sprechen größer. Denn wenn ich vor neun Teilnehmerinnen und einem Teilnehmer ein Seminar halte, merke ich nun selbst, wie oft ich von „der Autor“ oder so spreche. Das ist in meinen Augen nun ziemlich schräg und ich zucke jetzt immer dabei zusammen. Klar: Dann ist meine Aufmerksamkeit zunächst dahin und ich muss mich wieder auf die Spur bringen. (Zum Glück reicht es, das Thema anzusprechen – dann spielen alle im Seminar gerne mit diesem Genderball herum.)

Was mich überrascht: Erst, seit ich mich auch für geschriebenen Texte damit beschäftig habe, fällt es mir im gesprochenen Ausdruck die maskuline Form nicht mehr ganz so mächtig erscheinen zu lassen. Vielleicht ist es auch nur die Übung.

Auf jeden Fall beginnt die faire Sprache im Kopf und wandert von dort entweder in den Mund oder über Stift oder Tastatur in die Schriftsprache. Von dort aus geht der Impuls wieder zurück zum Gehirn und deckt so manche verkrusteten Denkstrukturen auf. Am Ende genderst du auch beim Lesen eines jeden Wortes in der Werbung, im Web und natürlich in der Zeitung. Das ist dann der Moment, an dem es anstrengend wird…

Warum das anstrengend ist? Wenn du wahrnimmst, dass die Zeit ohne Gendersternchen schreibt, ze.tt aber sehr wohl mit. Und warum ist der WDR noch nicht gegendert? Ach ja, und wie machiavellisch ist eigntlich die Verwendung von Sprache in Pressemitteilungen? Wenn solche Gedanken durch den Kopf gehen, reduziert das deine Aufnahmefähigkeit für die eigentlichen Inhalte und Signale. Die Welt wird plötzlich schwarz/weiß und dein Werturteil hängt am Gendersternchen. Ich hoffe, dieses Symptom wird bald wieder verschwinden…

Ich will damit nicht sagen, dass die faire Sprache kein wichtiger Faktor ist – aber eben nur EIN Faktor für Sprache, Stil und Ausdruck.

Deshalb hoffe ich, dass du dich eine Zeitlang damit beschäftigst – aber dann auch wieder etwas locker lassen kannst. Vor allem, wenn du selbst schreibst: Denn es ist unmöglich während des Schreibvorgangs neben dem Formulieren, der Rechtschreibung und Grammatik auch noch wie ein Luchs auf jede mögliche männliche Form im Text zu suchen. Wenn du das versuchst, bleibt nur noch wenig Energie für die Kreativität und den Inhalt übrig. Doch dazu unten ein Praxis-Tipp.

Wie gendern?

Es gibt grundsätzlich drei Strategien, um Texte korrekt zu gendern:

  1. Wo sinnvoll, die weibliche und die männliche Form zu verwenden – oder abwechselnd beide. Nachteil: Das macht den Text unübersichtlicher und führt auch zu Überraschungen bei der weiblichen Form (wobei ja genau das gewollt ist…)
  2. Die Verwendung von Einklammerung, Schrägstrichen, Binnen-I, Sternchen oder Unterstrich. Nachteil: Auch hier wird der Lesefluss gestört – was natürlich der Sinn ist.
  3. Vermeiden der maskulinen Form. Statt „Mitarbeiterinen und Mitarbeiter“ kann man auch „Beschäftigte“ sagen, statt „Lehrer und Lehrerinnen“ auch „Lehrkräfte“. Nachteil: Das kostet Autoren einiges an Zeit und Energie und macht manchmal den Inhalt unpräziser. Ist aber hin und wieder sehr kreativ.

Natürlich gibt es – immer häufiger – am Anfang eines Textes (oder per Sternchen) den Hinweis, dass mit der männlichen Form auch die weibliche mitgemeint ist und der Autor (ich gehe davon aus, dass es in diesem Fall meist ein ER ist…) um Verständnis bittet. Das klingt nach einem fairen Kompromiss – oder? Eigentlich nicht! Denn eigentlich heißt dies: „Ja, ich kenne das Problem – aber ich habe keine Lust oder Zeit, mir wirklich Mühe zu geben.“ Das ist mir zu billig…

Deshalb einige Tipps & Tricks, die ich unter anderem auf Genderleicht und Geschickt Gendern gefunden habe. Außerdem gibt es auch einen Duden zum Thema – den ich mir (noch) nicht geleistet habe.

Geschickt umformulieren

Da gibt es fast unendlich verschiedene Möglichkeiten. Und ich finde, dass wir Autoren uns damit beschäftigen müssen (ja, ich habe „müssen“ geschrieben). Denn das führt wahrscheinlich nicht nur zu einer fairen Sprache – sondern bricht auch unsere manchmal schon eingefahrenen, unterbewussten Stil-Eigenheiten – was immer gut ist.

Beispiele:

  • Statt „Und ich finde, dass ein Autor sich damit beschäftigen muss“ habe ich „Und ich finde, dass wir Autoren uns…“ geschrieben. Das ist inhaltlich, wie ich finde, sogar noch stärker und der Text erhält dadurch ein positives „Wir-Gefühl“. Überhaupt ist es viel leichter, wenn die Leser direkt angesprochen werden – denn sie wissen ja selbst, ob sie Frau, Mann oder Divers sind.
  • Statt „Amelie Müller trat ans Rednerpult“ könnte man schreiben, dass sie ans „Redepult“ trat. Und damit ist die maskuline Form fast unsichtbar aber sehr „frisch“ weggegendert worden.
  • Statt „Lehrer und Lehrerinnen“ sind „Lehrkräfte“ gut gegendert. Hierbei geht es meist um Verallgemeinerungen, in diesem Fall sogar mit einem eigenen Wort (das durchaus angenehm, weil gut verständlich aber auch etwas ungewohnt ist). Nich so schön, finde ich, wird es, wenn aus „Managern“ „das Management“ wird – das klingt blechern. Vielleicht wäre „Führungskraft“ besser oder „Unternehmensleitung“. Doch da sind wir schon mitten in einer Stil-Diskussion, die immer hilfreich ist.

Sehr, sehr viele solcher Formulierungen findest du auf Geschickt Gendern.

Grammatikalisch die maskuline Form umgehen

Das ist eine Unterform des geschickten Umformulierens. Da es aber sehr häufig und leicht funktioniert, bekommt das einen eigenen Punkt:

  • Mit Relativsätzen bekommst du die „Personalisierung“ aus dem Text. Also statt „Auch Fußgänger müssen sich an Verkehrsregeln halten“ könnte man sagen „Auch wer zu Fuß unterwegs ist, muss sich an Verkehrsregeln halten.“
  • Und mit einem geschickt gesetzten Partizip („Mittelwort“, also einem Verb das auch ein bisschen ein Adjektiv ist) funktioniert das auch häufig. Statt „der Autor ist…“ könnte man sagen, dass etwas „geschrieben“ wurde.

Beides macht Texte manchmal uneleganter – und manchmal eleganter. Wer aber ohnehin gut schreiben kann, darf sich das auch hin und wieder leisten.

Neue, bessere Formulierungen finden

Das ist dann vermutlich die ganz große Kunst des Genderns – und das kann deinen gesamten Sprachstil verbessern. Hier einige Beispiele aus Geschickt Gendern:

  • „Mannsbilder“ -> „gestandene Person“
  • „Namensvetter“ -> „Gleichnamige“
  • „kundenorientiert“ -> „publikumsorientiert“
  • „Komparse“ -> „stumme Rolle“, „Nebenfigur“
  • „Kontrahent -> „Gegenüber“
  • „Partner“ -> „Gegenüber“

Nicht jeder (AH, MIST!, ich fange nochmal an)… Es wird auch kritische Stimmen gegen diese Vorschläge geben – aber sie zeigen, welche Sprachvielfalt wir im Deutschen haben. Und manchmal führt das auch dazu, den Inhalt noch einmal zu überdenken. Mir gefällt etwa der Gedanke, dass aus einem „Kontrahent“ und einem „Partner“ jeweils ein „Gegenüber“ werden kann. Was heißt das eigentlich für deinen Text? Das könnte ein interessanter Inhalts-Aspekt werden.

Erst schreiben – dann gendern

Weiter oben habe ich das Aufmerksamkeits- und Energie-Problem angesprochen: Wer während des kreativen Schreibvorgangs gleichzeitig über Rechtschreibung, Grammatik und Gendern nachdenkt, wird kaum noch einen ordentlichen Text zustande bringen. Deshalb mein Tipp:

  • Schreibe erst auf, was du zu sagen hast – und kümmere dich danach um Rechtschreibung, Grammatik und das Gendern.

Der Vorteil dieses Vorgehens ist, dass du erstens beim Schreiben den Kopf freier hast. Und dass du dann die Änderungen sehr bewusst machst – und sie dadurch sogar besser lernst. So, dass sie irgendwann ganz automatisch in den Schreibvorgang einfließen werden.

Na dann: fröhliches Gendern!

Ich werde mir diesen Beitrag noch einmal sehr kritisch durchlesen – und vermutlich trotzdem noch einige ungegenderte Aussagen übersehen. Dann, bitte, hilf mir dabei.

Nun also: Genauso wenig, wie man nach einer oder gar zig Meditationen erleuchtet ist, werden unsere gegenderten Texte perfekt sein oder gar die Ungerechtigkeit der Welt auflösen. Aber ein bisschen Achtsamkeit tut uns allen gut – während der Meditation und beim fairen Schreiben.