Klingt komisch, ist aber wahr: Es gibt sehr gute Gründe, wieder mehr mit der Hand – also mit Stift auf Papier – zu schreiben. Ich will dich dazu überreden, endlich wieder deine Handschrift zu trainieren. Einer der Gründe: Du kannst dann besser denken…

So, alles bereit: Auf zum schönen Handschrift-Schreiben!
So, alles bereit: Auf zum schönen Handschrift-Schreiben! Photo by Joanna Kosinska on Unsplash

Meine Leser hier wissen, dass ich empfehle, mit der Hand zu schreiben. Zum Beispiel das Automatische Schreiben oder die Drei guten Dinge gelingen mit einem Kugelschreiber oder einem Füller besser als mit der Tastatur. Ich habe mir das eine Zeit lang damit erklärt, dass wir als Kinder früher mit dem Stift als mit der Tastatur zu schreiben gelernt haben. Und so ist die Handschrift unser kognitiv gelernter Weg, um Informationen aus dem Gehirn aufs Papier zu bringen. Doch weit gefehlt: Es gibt reichlich andere Gründe, per Hand zu schreiben.

Mehr verstehen und länger merken dank Handschrift

Zunächst einmal, kapieren wir “handschriftlich” mehr als via Tastatur: In einer Studie kamen die Psychologen Pam Mueller und Daniel Oppenheimer 2014 zu dem Ergebnis, das handschriftliche Notizen besser im Gedächtnis bleiben als getippte:

Die 67 Teilnehmer schauten sich ein 15-minütiges Video an und machten sich in verschiedenen Gruppen Notizen auf Papier und auf einem Notebook. Danach wurden sie eine halbe Stunde lang abgelenkt und sollten schließlich Fragen zum Video beantworten.

Bei Fragen zu den Fakten lagen beide Gruppen etwa Kopf an Kopf. Aber wenn es um das Verständnis ging, schnitt die analoge Gruppe deutlich besser ab. Wir können also davon ausgehen, dass wir durch das Schreiben von Hand nicht mehr „lernen“ aber mehr „verstehen“.

Und schon haben wir das erste Ergebnis: Du kannst davon ausgehen, dass die netten Kollegen, mit dem Notizbuch statt mit dem Notebook ins Meeting kommen, mehr mitbekommen. Und das hat nicht nur damit zu tun, dass sie eher keine Mails und WhatsApp bekommen.

Wie kommt das? Die Neurologie weiß Bescheid: Wenn wir von Hand schreiben, werden deutlich mehr Bereiche im Gehirn stimuliert. Und das führt zu einer viel stärkeren Vernetzung der Informationen. Eigentlich logisch also, dass wir per Handschrift besser “verstehen”.

In einer anderen Studie konnte Robinson Meyer nachweisen, dass handschriftliche Notizen länger im Gehirn bleiben als digitale. Studenten konnten selbst nach er Prüfung noch länger ihre Aufschriebe behalten, wenn sie diese traditionell notiert hatten.

handschriftliche notizen für die Psycho-Prüfung
Auch das kann ich übrigens bestätigen: Die beste Art zu lernen, ist vielleicht sogar, die zu merkenden Inhalte selbst strukturiert und bunt auf ein Plakat zu malen. Mir hat das jedenfalls bei der Prüfung zum Psychotherapeuten (HPG) sehr geholfen.

Ach ja: Ich ermuntere in meinen Seminaren die Teilnehmer dazu, ihr Notebook außerhalb der Übungen lieber geschlossen zu lassen. Erstens, weil sie dann mehr lernen (siehe oben) und zweitens, weil irgendwie immer ein Teil des Menschen im Bildschirm versinkt. Ist dir das auch schon mal aufgefallen?

Wann es *wirklich* Sinn macht, von Hand zu schreiben

Bitte nicht falsch verstehen: Ich liebe es, zu tippen. Und es wäre mir unmöglich, einen diesen Text hier von Hand zu schreiben. Ebenso wenig, wie ich einen Artikel diktieren könnte. Ohne das schnelle Korrigieren und gedankliche Herumspringen wäre ich aufgeschmissen. Das konnten wohl nur die guten, alten Dichter und Autoren. Ich muss an einer Geschichte kreuz und quer arbeiten können.

Aber drehen wir das doch einmal herum: In welchen Situationen kommt es NICHT auf Kreuz-und-Quer-Korrekturen sondern auf den Denk- und Lerneffekt an?Genau: Bei Übungen wie dem Automatischen Schreiben oder beim Tagebuchschreiben.

Ich habe sogar angefangen, meine ToDo-Listen mit Hand zu schreiben und liebe gerade mein Bullet Journal (dazu ein andermal). Eine Zeit lang hatte ich all das via Evernote oder anderen digitalen Tools organisiert. Und nun fühlt es sich mit einem Notizbuch und einem schönen Stift verbindlicher an. Allerdings verstehe ich jeden, der das anders macht. Vermutlich ist das reine Geschmacksache.

Was mit der Handschrift besser wird

Mehr als Geschmacksache ist das Schreiben mit dem Stift allerdings bei persönlichen Themen. Hier einige Gründe, die ganz klar dafür sprechen, dass du dir endlich mal wieder ein hübsches Moleskine und vielleicht sogar einen Füller kaufst:

  1. Mit der Hand zu schreiben ist ungewohnt: Wenn du Übungen wie das Automatische Schreiben immer mit einem bestimmten Füller oder einem schönen Kugelschreiber erledigst, baust du eine Gewohnheit auf – die es dir leichter macht, schnell in den „kreativen“ oder „achtsamen“ Modus umzuschalten. Die Tastatur ist für viele von uns mit „Arbeit“ verbunden, lass also deine Handschrift mit der anderen Gehirnhälfte techtelmechteln.
  2. Gedanken, die mit Stift und Papier aufgezeichnet werden, sind weniger vergänglich: Auf einem Stück Papier wird mehr Endgültigkeit erzeugt. Zwar ist Papier heute nicht mehr so teuer wie früher Pergament. Aber alles, was von einem Stift geschrieben wurde, ist unwiederbringlich formuliert. Man kann es vielleicht mit einem Radiergummi oder einem Tintenkiller (sagt man noch so?) löschen oder die ganze Seite wegschmeißen und neu schreiben – aber das ist viel mühevoller als die Rücklöschtaste zu verwenden. Ergo: Wenn wir endgültiger schreiben, werden wir das konzentrierter tun.
  3. Von Hand zu schreiben, bedeutet nur für sich selbst zu schreiben: Natürlich kannst du Papier auch als Brief verschicken oder fotografieren und verbreiten. Aber das machen die wenigsten. Also ist der häufigste Adressat einer handgeschriebenen Notiz – zumindest hier und jetzt – immer nur du selbst. So wird deine Zeit, in der du mit Hand schreibst, zu einem Date mit dir selbst.
  4. Handschrift haben wir zuerst gelernt: Wir sind damit also näher an unserer „Menschwerdung“. Das mag sich langsam ändern, Kleinkinder können Tablets bedienen bevor sie schreiben. Aber bei allen, die diesen Artikel hier lesen, bin ich mir sicher, dass ihr erst Handschrift und dann Tastatur gelernt habt.
  5. Der Weg vom Kopf zu Papier ist kürzer, wenn von Hand geschrieben wird: Vor allem für Menschen, die nicht mit zehn Fingern über die Tastatur fliegen, sondern die Buchstaben noch suchen müssen: Wie ist das bei dir? Hast du beim Tippen wirklich ALLE Geisteskapazität für die Gedanken übrig – oder lenkst du dich hin und wieder durch die Suche nach dem „ß“ oder einer Ziffer ab?
  6. Stift und Notizbuch machen was her. Setze dich mal mit einem schönen Buch und einem Stift in ein Meeting – statt dem Tablet oder einem Notebook. Du bekommst mehr mit und machst mehr Eindruck.

UND – vielleicht ist das ja auch nur meine ganz persönliche Wahrnehmung – ich meine schon, dass mir von Hand geschriebene Gedanken irgendwie „näher“ und „wahrer“ erscheinen als getippte.

Was tun gegen schlechte Handschrift?

Ich empfehle also dringend, die gute, alte Handschrift wieder zu erlernen. Das führt mit Sicherheit zu zweierlei:

  1. Erstens wird dir nach deiner ersten Schreib-Session die Hand ganz schön wehtun. Na ja, dazu fällt mir eigentlich nichts anderes ein, als dass das wieder vorbeigeht. Muskel die nicht verwendet werden, lassen nach – können aber auch wieder trainiert werden.
  2. Zweitens wirst du mit deiner Handschrift sehr wahrscheinlich nicht zufrieden sein. So ging es jedenfalls mir. Ich konnte kaum einen Satz lesen, nachdem ich vor einigen Jahren die Handschrift wieder für mich entdeckt habe. Und ich finde meine handgeschriebenen Notizen immer noch wie von einem minderjährigen Professor geschrieben. Schrecklich. Aber ich habe meinen Frieden damit gemacht, immerhin kann ich sie wieder lesen.

Nach einigen Versuchen, meine Schrift zu verschönern, habe ich aufgegeben und konzentriere mich nur noch auf genau einen Gedanken: langsam schreiben.

Und das ist mein Tipp an euch: Seid vorsichtig vor Programmen, in denen euch versprochen wird, nun endlich eine ausdrucksstarke und schöne Schrift zu bekommen. Das kostet viel Lebenzeit – aber was bringt es schon?

Trotzdem ein paar Ideen, wie du deine eigene aber lesbare Schrift entwickelst:

By Hamburger Schulbehörde [Public domain], via Wikimedia Commons
Wenn die Linien gerade sind, dann sieht die Handschrift schon mal ganz gut aus. Das ist übrigens die “Hamburger Druckschrift”… (Foto: Hamburger Schulbehörde, via Wikimedia Commons)
  1. Schreibe langsam. Noch langsamer. N.O.C.H. laaaangsssssaaaameer…
  2. Schreibe exakt auf der Linie. Ob du Blätter mit Karos oder Linien hast – egal. Aber konzentriere dich darauf, auf der Linie zu schreiben.
  3. Halte auch die anderen Linien. Versuche die Elemente, die nach unten gehen (z. B. bei g, j, p), die nach ganz oben gehen (t, l, b, d u.s.w.) und die mittelhoch gehen (m, n und auch die Rundung beim „d“) auch in einer Linie bleiben. Wie lang und hoch sie sind, ist dein Stil. Aber wenn diese Linien halbwegs gerade sind, dann sieht gleich alles schöner aus.
  4. Lasse deine Buchstaben entweder alle nach vorne fallen oder alle gerade stehen. Nicht mal so oder so.
  5. Mache die Buchstaben schmal oder breit. Auch damit kannst du herumspielen – aber entscheide dich irgendwann für eins von beiden. Zumindest so lange, bis du das automatisch angleichst.

Und dann lege los. Schreib! Natürlich kannst du Texte abschreiben – warum nicht diesen hier. Und wenn du dann – wie beim Automatischen Schreiben – zur Übung deiner Handschrift deine Gedanken frei herausschreibst, hast du den doppelten Effekt, dass du dir damit etwas Gutes tust. Trainiere mal ein oder zwei Wochen täglich zehn Minuten. Das wirkt Wunder, glaube mir.

Der richtige Stift, das richtige Papier

Ich gestehe, ich bin vom Stamm der “Mr. Gadgets”. Deshalb habe ich mir natürlich einen schönen Füller gekauft, den ich aus dem Tintenfässchen befülle. Und wenn ich in einem Laden ein Regal voller schöner Notizbücher sehe, würde ich am liebsten alle kaufen. Manchmal denke ich, dass ich nur deshalb so viel von Hand schreibe, damit ich mir wieder ein neues Heft von Moleskine, Leuchtturm oder bei Manufactum oder Muji kaufen darf. Ein bisschen Liebe zum schönen Schreiben gönne ich auch dir: Statt mit dem blöden Kuli aus dem Drogeriemarkt schreibt es sich mit einem schönen Gerät einfach besser. Vielleicht wird dadurch kein Satz besser oder wahrer. Aber mit einer hübschen Schreibumgebung signalisierst du dir selbst die Wichtigkeit des Vorhabens.

Ein Tipp vielleicht: Mit einem Din A-4 Heft fällt das Schreiben etwas leichter, weil die Schreibhand leichter darauf abgelegt werden kann. Probiere es mal.

Also, ab heute: Wenn es persönlich wird wird handgeschrieben

Fang einfach mal an. Trage ständig ein Heft und einen Stift mit dir herum – im Laufe des Tages wirst du die Zeit und die Lust haben, beides zu benutzen. Wenn du eine der oben genannten Übungen machst, sowieso. Vielleicht kannst du auch für dich die Regel etablieren, die bei mir schon eine Selbstverständlichkeit ist: Immer, wenn es persönlich wird, greife ich zu Stift und Heft. Und dann habe ich wieder ein sehr angenehmes Date mit mir selbst.

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