Was soll es bringen, die eigene Geschichte aufzuschreiben? Und wie soll das überhaupt gehen? Du wirst erstaunt sein, wie erhellend und sogar therapeutisch eine Autobiografie auf uns wirken kann.

Autobiografie schreiben
Wie viele Seiten brauchst du für deine Autobiografie? Und wie wird diese enden? (Foto von John-Mark Smith auf Unsplash)

“Hallo?“ Wer spricht denn da?

Starten wir mit einem kleinen Experiment:

Schließe einige Minuten lang die Augen und lausche in dich hinein – und lies dann erst weiter.

Was war da? Hast du so etwas wie eine Stimme gehört? Oder war da nur ein Rauschen – aber vor deinen inneren Augen hast du Bilder gesehen? Was hörst und siehst du, wenn du die Augen schließt? Vermutlich ist das etwa so schwer zu greifen wie der Rauch einer Kerze.

Die meisten Menschen empfinden die Stimme, die sie „hören“, wenn sie in sich gekehrt sind, wie einen Kommentator, der über das spricht, was du gerade tust, neulich getan hast oder demnächst tun willst. Manchmal sind das Gedanken, die du schon 1.000 Mal gedacht hast oder eine Stimme, die über dieses Experiment lamentiert oder darüber, wie du damit umgehst.

Der berühmte Psychologe und Autor Daniel Kahnemann zeigt in seinem Beststeller „Schnelles Denken, Langsames Denken“, dass wir uns ständig unsere eigene Geschichte erzählen und wie wichtig diese uns schon alleine deshalb ist. Er verweist dabei auf Studien seines Kollegen Ed Diener, in denen nachgewiesen wurde, dass Urlaubsziele von einem sich „erinnernden“ Selbst der Menschen ausgesucht werden – und zwar nach der angenommenen Attraktivität der nachfolgenden Erinnerungen. Wir fliegen also nicht zu den Niagarafällen, weil sie uns so interessieren, sondern weil wir mit grandiosen Bildern und tollen Erinnerungen rechnen. Kein Wunder also übrigens, dass Facebook und Instagram derart eingeschlagen sind.

Ein weiteres Forschungsergebnis ist sehr bedrückend: Dabei ging es darum, wie Menschen mit ihrer Geschichte und der Erinnerung daran umgehen. Die Probanden wurden vor einer sehr schmerzhaften Operation befragt, ob sie sich dieser mit wachem Bewusstsein unterziehen würden. Versprach man ihnen ein Medikament, dass die Erinnerung daran löschen würde, stimmten sie dieser Tortur zu. Sie waren also bereit, die Schmerzen zu ertragen, wollten aber keine Erinnerung daran. Vermutlich hatten sie wohl Mitleid mit dem Selbst, das diese Schmerzen zu durchleben hatte – aber so lange sie sich nicht daran erinnern würden, war dieses Mitleid nicht größer als gegenüber fremden Menschen. Spiele das in deinen Gedanken durch und du wirst vielleicht feststellen, dass es dir ähnlich geht.

Wenn wir uns also erinnern; wenn wir mit uns selbst kommunizieren: Wer kommuniziert denn da mit wem? Es scheinen mehrere Instanzen in uns zu existieren und miteinander in Verbindung zu stehen – auf möglicherweise sehr unterschiedlichen Kanälen. Im vergangenen Jahr habe ich versucht, darauf eine Antwort zu finden. Das war nicht gerade ein Blockbuster. Doch für mich war es wichtig, es mal aufzuschreiben. So konnte sich der Gedanke weiterentwickeln. Und was davon übrig ist: Es gibt nicht nur eine Kommunikation zwischen uns und der Welt da draußen – sondern auch in uns selbst. Und diese ist schwer zu greifen. Aber wir alle kennen sie mehr oder weniger gut.

Das Problem bleibt: Es klingt ziemlich komisch, wenn man von „Stimmen“ im Kopf spricht. 🙂

Über Realität – und was wir daraus machen

Noch eins, bevor wir mit dem inneren Geschichtenerzählen starten: Wir denkende Menschen unterliegen allesamt ständig einem Irrtum. Wir denken nämlich (fast) immer, dass wir die Realität erleben. Doch das ist Unsinn. Was wir erleben, ist lediglich unsere ganz persönliche Realität. Die amerikanische Schriftstellerin Anais Nin formuliert es so: „We don´t see things as they are, we see them as we are.“

Ich will damit nicht sagen, dass ein Baum für dich so und für mich ganz anders aussieht. Wobei selbst die Farbwahrnehmung offenbar nicht einmal identisch ist. Wichtiger ist mir, welches Bild wir zum Beispiel von einem Wald haben: Während sich die eine (nennen wir sie „Paula“) darin entspannt und zur „waldbadend“ zur Ruhe kommt, befällt den anderen („Paul“) die eine oder andere Angst vor Insekten oder vor Dreck oder der Dunkelheit. Das ist angesichts der jeweils unterschiedlichen Lebensentwicklungen jeweils nachvollziehbar und im Grunde keine große Sache. Es sei denn, Paul und Paula unternehmen einen gemeinsamen Waldspaziergang und reden über ein ihnen wichtiges Thema. Dann empfindet Paula dabei eine entspannte Haltung, ihr Körper sendet angesichts der Umgebung angenehme Botenstoffen und sie nimmt eine leicht positiv getönte Welt wahr. Sie denkt offen, kreativ und schwingt entspannt zwischen den Themen hin und her. Paul dagegen ist gestresst, Adrenalin und Cortisol versetzt ihn in eine innere Bereitschaft und seine Wahrnehmung ist vielleicht wie von einem Stroboskop zerhackt oder stark fokussiert. Im Gegensatz zu Paula neigt er dazu, in die Tiefe zu gehen oder gar zu grübeln und eher Schwierigkeiten statt Möglichkeiten zu sehen.

Nun stelle dir vor, die beiden planen einen gemeinsamen Urlaub. Merkst du, was ich meine?

Paul und Paula nehmen ihre Umwelt unterschiedlich wahr, das wirkt sich auf ihre Gehirnchemie aus und so interpretieren sie das gemeinsame Gespräch aus unterschiedlichen Perspektiven –  ein komisches Gefühl von „Nichtverstandenwerden“ ist vorprogrammiert. Ich schätze, du kennst solche Situationen. Und weil du ein schlauer, reflektierender Mensch bist (andere wären gar nicht so weit in diesem Artikel gekommen), wirst du während des Lesens dieser Zeilen deine eigene Wahrnehmung von „Wald“, „Waldbaden“, „dreckigen Schuhen“ und „Insekten“ überprüft und in die innere Geschichte eingebaut haben.

So läuft das in unseren Köpfen. Ob uns das nun bewusst oder unbewusst abläuft. Und das alles ist weder gut noch schlecht – sondern einfach menschlich.

Das eigene Selbst-Verständnis

Zählen wir diese menschlichen Eigenschaften zusammen:

  1. Wir kommunizieren ohnehin ständig mit uns selbst.
  2. Was wir als Realität wahrnehmen, ist vor allem unsere persönliche Realität.

Also wäre es doch für den Seelenfrieden eine beruhigende Angelegenheit, wenn sich unsere inneren Instanzen auf eine ziemlich ähnliche Sicht der Realität verständigen könnten, wenn sie miteinander kommunizieren.

Doch leider ist genau das eher die Ausnahme als die Regel. Das fängt schon damit an, dass wir uns gar nicht an alles, was wir jemals erlebt haben, erinnern können oder wollen. Außerdem haben wir zusätzlich noch eine Menge anderer Stimmen in uns, die den Wald noch mal ganz anders sehen. Vermutlich hatten deine Mutter und dein Vater sehr unterschiedliche Reaktionen auf dich, wenn du voller Dreck, aber glücklich vom Spielen nach Hause kamst.

Und all diese – an sich gut verankerten – Ideen zum Wald liegen in deinem Unterbewusstsein bereit, wenn du in einem solchen unterwegs bist. Es wäre schlimm, wenn sich alle lautstark zu Wort melden würden. Andererseits tun es manche solcher Stimmen zwar leise, aber nachhaltig, auch abhängig von der Tagesform und anderen inneren Zuständen.

So wird die akute Stimmung von sehr vielen Faktoren beeinflusst, die wir selbst nicht wirklich überblicken. Was letztlich dazu führen kann, dass wir mit uns selbst ein komisches Gefühl des Nichtverstandenwerdens entwickeln. Ein Gefühl, das wir zwar nicht bewusst bei uns selbst wahrnehmen. Doch mit ein wenig Empathie kannst du das sehr schön an anderen beobachten: Wunderst du dich manchmal nicht auch über Auto- oder Fahrradfahrer, die auf der Straße wegen Kleinigkeiten komplett ausrasten – obwohl sie eigentlich total nette und freundliche Menschen sind? Da scheint für einen kurzen Moment eine andere Instanz das Steuer zu übernehmen. Mir geht das manchmal auch so und dann wundere ich mich über mich selbst und fühle mich von mir selbst irgendwie nicht verstanden.

Also liegt es auf der Hand, wobei uns eine Autobiografie helfen kann: Vielleicht tauchen in der eigenen Story gute Gründe auf, die dieses seltsame Gefühl im Wald oder den Mr. Hyde am Lenkrad vernünftiger erscheinen lassen und vielleicht sogar erklären können.

Oder, anders formuliert: Durch die Autobiografie erleben wir sehr achtsame Momente, in denen wir uns selbst ein wenig unsere Welt erklären dürfen – und wir uns dabei zuschauen. Welch ein Glück! Als kostenloses Zusatz-Feature bekommen wir durch die positive Stimmung, in der wir schreiben, und das wahre Interesse an unserer eigenen Geschichte sogar noch die Wertschätzung als Bonus geschenkt, die uns manchmal fehlt. Das klingt nach einem großartigen Deal!

Was biografisches Schreiben bringen kann

Nun stecken wir also mitten im Thema. Hier einige Lebensvorteile, die uns das biografische Schreiben bringen kann:

  • Wir erkennen möglicherweise Muster, die uns im täglichen Allerlei bisher verborgen geblieben sind.
  • Damit schaffen wir ein wenig Ordnung in unserer Vergangenheit.
  • Wir „externalisieren“ unsere Erfahrungen. Das, was bisher nur versteckt im Unterbewusstsein war, wird nun bewusst(er).
  • Wir finden vielleicht Ressourcen und Fähigkeit, an die wir schon lange nicht mehr gedacht haben.
  • Wir können sehr negative Erfahrungen „umschreiben“ – da wir erkennen, dass sie nun schon sehr lange her sind.
  • Wir können uns besser verstehen und werden uns so, wie wir sind, mehr wertschätzen.

Das klingt vernünftig, oder?

Allerdings muss ich nun auch die Grenzen der eigenen Autobiografie aufzeigen. Die gibt es – selbst, wenn ich sehr von den Möglichkeiten des Schreibens, zum Beispiel auch des Automatischen Schreibens oder eines Tagebuchs, überzeugt bin. Denn du kannst dich zwar allein mit dem bloßen Schreibvorgang auf eine gewisse Öffnung vor dir selbst „programmieren“ – allerdings in Grenzen. Was tief in dir vergraben ist, wird vielleicht nicht auftauchen. Das passiert auch zu deinem persönlichen Schutz. In meiner Praxis als Heilpraktiker für Psychotherapie tauchen immer wieder sehr tiefe Verletzungen oder gar Traumata auf, die nur in einem vertrauensvollen Rahmen in einer Therapiesituation zutage treten. Dafür haben wir ja ein wohlmeinendes Unterbewusstsein, das uns davor schützen will, zu viel ertragen zu müssen.

Deshalb ein notwendiger Disclaimer: Falls du das Gefühl hast, dass du mit einer seelischen Störung wie einer Depression, einem Burnout oder einem Trauma zu tun hast, versuche nicht das ganz allein mit Stift und Papier zu bewältigen. Für diese Fälle gibt es Profis!

Welche Formen es für die eigene Autobiografie gibt

Falls du nun also eine berühmte Persönlichkeit bist oder meinst, das sein zu müssen, hast du vermutlich schon längst erkannt, dass ich hier nicht von einer Autobiografie spreche, die im nächsten Jahr auf Amazon die Bestenlisten anführt. Hier geht es um den erhellenden und vielleicht sogar therapeutischen Charakter des biografischen Schreibens. Und du wirst damit nicht reich durch Tantiemen sondern – mit etwas Eifer und auch Glück – reich an Erfahrungen.

Wenn du nun die Suchmaschine fragst, in welche Formen einer solchen Autobiografie möglich sind, gibt es viele Antworten. Vermutlich gibt es darunter einige sehr, sehr strukturierte Konzepte und wenige selbstbestimmte. Was ich dir vorschlage, findest du weiter unten.

Hier noch etwas zur Form: Es ist sehr gut möglich, dass du während des Schreibens auf die Idee kommst, deine Biografie zu veröffentlichen. Vielleicht fällt dir während der Arbeit auf, dass du ja wirklich etwas zu sagen hast und andere davon profitieren können. Falls du an diesem Gedanken ankommst, ist das großartig. Denn dann bist du dabei, dein bisheriges Lebenswerk positiv zu interpretieren. Dann fühlt sich der Schmerz und die Mühe vielleicht endlich einmal nützlich und sinnvoll an. Wertschätze dich genussvoll!

Und bewahre dir diesen Gedanken! Doch: Arbeite stur weiter. Gehe nicht zurück auf „START“ und beginne nicht deine Sätze zu redigieren und die Story für ein Publikum zu entwickeln. Bleibe genau bei der Arbeitsweise, die dich bisher dorthin gebracht hat. Aus zwei Gründen:

  1. Du hast bis jetzt alles richtig gemacht. Es scheint so, dass du einen „Lauf“ hast. Mache das nicht durch das Gefummel an Details wieder kaputt.
  2. Erst wenn deine Biografie auf „Entwurfsniveau“ fertig formuliert ist, kannst du wirklich abschätzen, ob und wie das für ein Publikum (und sei es deine Verwandtschaft) wertvoll ist. Überarbeiten wirst du das ohnehin noch.

Will sagen: Gerade, wenn du ein gutes Gefühl hast, mach weiter. Und zwar genauso, wie bisher …

Wie die Autobiografie geschrieben wird

Suche nach den den emotional wichtigsten Ereignissen in deinem Leben und schreibe diese auf. Die Besonderheit einer Autobiografie ist ja, dass sie von der betreffenden Person selbst geschrieben wird. Und auch wenn diese Art der Biografie meist nicht veröffentlicht werden soll, gelten keine andere Regeln.

Es gibt allerdings einige Tricks, mit denen du die wirklich wichtigsten Ereignisse findest und diese zu Papier bringen kannst. Es gibt übrigens sehr unterschiedliche Stilformen, in denen du deine Biografie schreiben kannst: Vielleicht im spannenden Krimi-Stil oder als Ich-Erzählung. Und wieso nicht wie eine Serie von Briefen, die deine früheren Versionen an dich schreiben?

1. Gestalte die Schreibumgebung angenehm

Vermutlich wirst du dich eine ganze Weile mit deiner Autobiografie beschäftigen. Das ist ja sogar gewollt. Deshalb lohnt es sich, die Schreibumgebung möglichst angenehm zu gestalten:

  • Wann kannst du am besten schreiben?
  • Wie viel Zeit kannst du dafür nutzen?
  • Wie kannst du in dieser Zeit ungestört sein?

Manche lieben es morgens, bevor das Leben im Haus erwacht, zu schreiben. Andere sitzen mittags gerne im Café. Es ist DEINE Biografie – schau, dass es DIR damit gut geht.

2. Schreibe regelmäßig

Deine Biografie wird niemals voran kommen, wenn du dich aus heiterem Himmel vor das Notebook setzt, einige Stunden schreibst – und dann wieder zwei Wochen lang alles vor dir herschiebst. Wir Menschen sind nicht besonders gut darin, für uns wichtige Entscheidungen immer und immer wieder zu treffen. Vielleicht wird sich sogar etwas in dir gegen das Aufschreiben deines Lebens zu wehren. Dagegen kannst du nur mit einer starken Routine gewinnen. Vielleicht ist es dir zu viel, jeden Tag zu schreiben. Dann wenigstens zum Beispiel immer Montags und Donnerstag, oder an jedem Wochenende – aber dafür dann mehrere Stunden. Auf englisch gesagt:

Make it a Habit

Regelmäßig zu schreiben, hat übrigens schon an sich einen magischen Effekt: Selbst wenn du „nur“ automatisch oder dein Tagebuch schreibst, ist die tägliche Achtsamkeit sowohl heilend wie auch schützend. Darüber gibt es selbst in der wissenschaftlichen Psychologie heute keinen Zweifel mehr.

3. Denke – zumindest am Anfang – nicht darüber nach

Die ersten Zeilen und Seiten sind nur das Training, die Aufwärmphase. Du weißt noch nicht, wohin das führt aber du gehst los. Lass es so einfach! Fang dort an, wo dich deine Gedanken hintreiben und folge ihnen. Wenn du ins Stocken kommst, dann mach dir auch darüber keine Sorgen. Dann lohnt es sich vielleicht, einige Tage das Automatische Schreiben zu üben. Diese Übung überwindet selbst hartnäckige Schreibhemmungen.

Noch eine Idee: Vielleicht ist es dann hilfreich, wenn du dich wirklich in die Situation, wie sie früher war, einstimmst. Hast du damals immer Tee getrunken und Räucherstäbchen angezündet? Nun, das kannst du auch heute noch haben. Meist reicht es aber auch schon, sich genau das vorzustellen. Unser Gehirn unterscheidet nur teilweise zwischen der Realität und unserer Vorstellung.

4. Beginne, ein wenig Ordnung zu schaffen

Wenn du einige Tage geschrieben hast, wirst du vermutlich verschiedene Stationen deines Lebens erinnert haben – vielleicht einige, die dir nicht mehr bewusst waren. Und, klar, darum geht es ja hierbei. Bevor du dich mit den Details beschäftigst, bringe etwas Ordnung in die Erinnerungen. Das muss kein zeitlicher Ablauf sein – auch eine thematische Sortierung z.B. nach „Beruf“, „Beziehung“, „Entwicklung“ und so weiter kann sinnvoll sein.

Meine eigene Biografie habe ich damit angefangen, das „Personal“ und die „Spielplätze“ der Kindheit, Jugend, als Berufsanfänger und so weiter aufzuzählen und kurz zu charakterisieren. Das hat zu sehr viel Ordnung und Erinnerung geführt.

5. Recherchiere und schreibe

Übrigens: Das hier ist keine schrittweise Anleitung – sondern Tipps für Arbeiten, die auch abwechselnd vielleicht sogar auch gleichzeitig gemacht werden können. Vermutlich wirst du manchmal beim Schreiben in einen Flow geraten, manchmal stockt es eher. Dann ist es vielleicht an der Zeit, mal wieder ein wenig zu recherchieren. Sprich mit Verwandten und Freunden, stöbere in Fotoalben (früher hat man so etwas ja angelegt) und lies in alten Tagebüchern, falls du welche hast. Es muss ja nicht alles mit Quellen belegt werden – doch manchmal bringt dich ein Satz oder ein Bild mit Höchstgeschwindigkeit zu einer neuen Erinnerung.

6. Suche nach Mustern und (Lebens-)Themen

Weiter oben habe ich empfohlen, ein wenig Ordnung in die Erinnerungen zu bringen. Vielleicht zeitlich oder nach „privat“, „beruflich“ oder Ähnlichem sortiert. Dabei fallen dir vielleicht Lebensthemen auf. Vielleicht wiederkehrende Blockaden. Oder bestimmte Reaktionen anderer auf dich oder dass immer das passiert, was du nicht wolltest oder, oder, oder. Suche nach diesen Themen und versuche, diese gleichzeitig zu verallgemeinern und dann noch konkreter zu fassen. Was daran berührt dich? Wie schlimm war damals diese Niederlage –und wie schlimm (oder vielleicht sogar hilfreich) ist sie aus heutiger Sicht?

Du merkst: Hier beginnt schon die „Ernte“ der Aufzeichnungen. Die Schreibphase ist noch lange nicht zu Ende – aber wenn du die Themen oder gar die Melodie deines Lebens zu erkennen beginnst, spürst du sicher schon den Wert.

Vielleicht, falls du dich für eine erzählende Variante deiner Biografie entschieden hast, kannst du dir diese (oder nur Teile davon) auch als klassische Story vorstellen. Dann gibt es einen Protagonisten (das bist du), es gibt Antagonisten (das ist ein Problem oder ein imaginärer Gegner) und Hindernisse und Verwicklungen. Das macht natürlich Spaß beim Schreiben – und regt das Auffinden von Mustern und Lebensthemen an.

7. Schreibe die Kapitelübersicht und einen imaginären Klappentext

Es geht nicht darum, ein Buch zu verkaufen (jedenfalls meist nicht). Allerdings ist das Schreiben eines möglichen Klappentextes ein üblicher Trick, um die oben gefundenen Themen in eine leichte und auch selbst-verständliche Form zu bringen. Das Problem ist ja: Da wir ja sozusagen die Experten unseres eigenen Lebens sind, kennen wir sehr viele Details und können zu vielen Aspekten zwar sehr kluge Sachen sagen. Aber wir sind auch betriebsblind und sehen mangels Distanz das große Muster oft nicht. Also zwingen wir uns, dieses Muster in maximal 150 Wörter zu fassen – oft mit großem Erkentnisgewinn.

Und die Kapitelübersicht hilft beim Überdenken, der „Big Story“, der Melodie deines Lebens. Ganz sicher wird sich diese im Verlauf des Prozesses immer wieder ändern – doch diese Übersicht hilft beim Denken.

8. Sei mutig und fülle Erinnerungslücken

Gerade (aber nicht nur) wenn du ein Lebensmuster, eine Melodie, gefunden hast, wirst du nun beim Schreiben immer wieder auf Erinnerungslücken stoßen. In welchem Jahr habe ich diese Person kennen gelernt? Wann habe ich begonnen, mich im Job nicht mehr wohl zu fühlen?

Auch, wenn es sich komisch anfühlt: Fülle diese Erinnerungslücken durch phantasievolle Fakten. Wenn dein Gehirn entschieden hat, sich so etwas nicht zu merken, ist es so viele Jahre später auch nicht mehr wichtig. Außer für die Story, die dadurch weiter voran geht.

Damit wir uns hier richtig verstehen: Es geht nicht darum, eine Lügengeschichte deines Lebens aufzuschreiben. Ich möchte dich aber vor einem unnötigen Herumstochern in eigentlich unwichtigen Details bewahren.

9. Schreibe die lästigen Teile deines Lebens um

Das ist nun ein wenig heikel und eine Gratwanderung: Es ist vermutlich reine Zeitverschwendung, wenn du dir nach 30 Jahren einen tollen Abi-Schnitt von 1,0 in die Autobiografie hineinschreibst. Denn diesen hattest du – vermutlich – nicht. Und weil das ein objektiver Fakt ist, macht es wenig Sinn, diesen umzuschreiben.

Doch es gab auch subjektive Wahrnehmungen und Gefühle, die dein Leben bestimmt haben. Vielleicht warst du in der Schule ein Außenseiter und die coolen Typen haben dich nicht in ihre Clique gelassen. Probiere dann mal zu schreiben, dass diese Idioten gar nicht cool waren und du die gar nicht wolltest, weil du dich ohnehin mit den ernsthaften Mitschülern verbunden gefühlt hast. Wie fühlt sich das an? Du kannst natürlich auch die eine Version und die andere Version schreiben. Beides wird sich ganz unterschiedlich anfühlen. Und, hey: Es ist DEINE Biografie. Du darfst darin ausprobieren, was DU willst. Du bist der Autor deiner selbst.

10. Nimm dir so viel Zeit, wie du willst

Ja, das klingt alles aufwändig und zeitintensiv. Und falls du nur ab und zu mal eine halbe Stunde dafür übrig hast, kommst du mit deiner Autobiografie vermutlich nicht weit – und wirst irgendwann lustlos aufgeben. Wenn du allerdings regelmäßig schreibst, wirst du vielleicht merken, dass auch bei dieser Arbeit der Weg und nicht das Ziel im Fokus steht. Vielleicht kannst du es so sehen, wie das Schreiben eines Tagebuchs – was streng genommen ja auch eine Biografie ist, nur eben live.

In jedem Coaching und jeder Therapie passieren die entscheidenen Fortschritte zwischen den eigentlich kurzen Terminen beim Coach oder Therapeuten. Und so ist das auch bei der Arbeit mit der eigenen Biografie: Auch wenn du gerade nicht daran schreibst, ist ein Teil von dir vermutlich auch im Alltag damit beschäftigt. Das kann manchmal sehr intensiv und hilfreich sein. Wenn du also auch mal eine Pause einlegen willst, dann tue das. Doch vergiss nicht, die regelmäßige Schreibpraxis danach wieder aufzunehmen.

Schreibimpulse: Widerstände überwinden

Muss man das überhaupt? Wenn es Widerstände gegen das Schreiben der eigenen Biografie gibt, dann könnte man es doch auch einfach sein lassen. Oder? Natürlich!

Ich werde nicht allen Leser des Contentman und auch nicht allen Coachees oder Klienten eine tägliche Dosis „Biografie“ verschreiben. Das werden nur manche wollen und können. Und trotzdem einige Gedanken dazu, wie Widerstände überwunden werden können. Denn schon wer beim Lesen dieses Beitrags bis hierher gekommen ist, scheint Interesse am Thema, an der eigenen Biografie zu haben. Vielleicht fängst du damit sogar an, weil es dir ein Freund oder eine Freundin geraten hat. Oder du siehst aus irgendeinem anderen Grund einen Sinn darin. Und dann schreibst du eines Tages und dann vielleicht noch einige weitere Tage und womöglich länger daran – und irgendwann erscheint dir das Projekt sinnlos oder geradezu albern. Echte Zeitverschwendung. Doch genau das ist es dann nicht (mehr). Deshalb einige Schreibimpulse, mit denen du wieder die Lust daran entdeckst.

Erzähle mündlich

Da Schreiben ein besonderer Prozess ist (vor allem, wenn wir von Hand schreiben) haben manche Menschen dagegen geradezu eine Allergie und andere ertragen es zeitweise nicht. Dann kannst du es ja mündlich versuchen. Vielleicht sogar mit der Spracherkennung deines Handys, damit lesbarer und überarbeitbarer Text daraus wird.

Versuche etwas anderes

Vielleicht hast du deine Biografie als Erzählung angelegt. Dann versuche doch einmal, den Protagonisten (ja, dich selbst) einen Brief schreiben zu lassen. Oder übernimm eine andere Erzählhaltung (von der personalen in die Ich-Erzählung oder anders herum).

Schreibe deinen Kopf frei

Vielleicht weißt du, dass ich ein unverbesserlicher Fan des Automatischen Schreibens bin. 😉 Das ist manchmal vielleicht übertrieben. Ganz sicher ist es aber für die größten und kreativsten Autoren dieser Welt immer wieder die beste Medizin, um aus einer Schreibblockade zu kommen. Probiere das auch mal einige Tage.

Mach Pause

Natürlich kannst du auch für einige Tage oder gar Wochen oder Monate den Schreibstift zur Seite legen. Allerdings hier ein kleiner Ratschlag aus meiner eigenen Erfahrung: Stelle dir dann einen „Wecker“, der dich daran erinnert, es mal wieder mit der Autobiografie zu versuchen.

Lies

Welche Künstler, Wissenschaftler, Politiker oder Popstars gefallen dir? Ich bin mir fast sicher, dass es Biografien von ihnen gibt. Vielleicht keine Autobiografien – doch das macht es nur spannender. Lies also über die Helden deiner Welt.

Rede – eventuell mit Profis

Eines zu sagen, gebietet mir die Gewissenhaftigkeit: Das Schreiben einer eigenen Biografie ist eine sehr intensive Arbeit an der offenen Seele. Will sagen: Es ist gut möglich, dass du in diesem Prozess mit Dingen konfrontiert wirst, die dich stressen und vielleicht überfordern.

Falls dies der Fall ist: Rede mit anderen darüber. Bitte! Denn gerade dann bist du auf dem besten Weg, mehr aus deinem Leben zu machen, weil du nun endlich deine seelischen Altlasten wahrnimmst. Wirf jetzt nicht den Stift weg, um dich wieder deinem bisherigen Leben zu widmen. Dafür bist du schon zu weit gekommen.

ABER: Falls es dich doch überfordert oder du merkst, wie dich diese Seelenarbeit in die Richtung einer Krise steuert, suche dir professionelle Hilfe. Du brauchst dann keinen ausgebildeten Schreibtherapeuten – sondern einen Therapeuten, der damit umgehen kann. Und das können sehr viele, denn genau dafür haben wir unsere Ausbildung.

Wann ist die Autobiografie fertig?

Natürlich niemals! Der eine Grund dafür liegt auf der Hand: Du wirst niemals den Schluss deiner eigenen Biografie schreiben können. Und sehr wahrscheinlich wirst du auch die frühen Ereignisse der Kindheit mit zunehmendem Alter immer wieder anders interpretieren. Und weil es DEINE Biografie ist, darfst du dies natürlich zu Papier bringen. So wird aus einer statischen Erzählung eine starke Erzählarbeit, die niemals abgeschlossen ist.

Also von nun an immer Biografie schreiben? Nein! Natürlich kannst du dich jederzeit dafür entscheiden, den Stift zur Seite zu legen und sogar Jahre ohne das autobiografische Schreiben zu leben. Vermutlich wird es eh immer wieder längere Pausen geben, vielleicht sogar sehr lange. Und das ist gut und richtig – wenn du das so entscheidest.

Doch bevor du so weit bist, gilt: Solange du allerdings noch gar nicht angefangen hast, wirst du diese Art der seelischen Arbeit niemals zur Seite legen können.

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