Automatisches Schreiben: eine starke Kreativitäts-Übung – nicht nur für Autoren

Wenn es EINE Übung gibt, die ich jedem (also nicht nur Autoren) empfehle zu probieren, ist es Automatisches Schreiben. Eine, nun ja, traditionelle aber wirkungsvolle Übung, mit der du mindestens deine Kreativität trainierst. Und eigentlich ist das noch viel mehr…

Also los: Stift in die Hand und "Automatisch Schreiben". Die vielleicht einfachste Kreativ-Übung in diesem Sternensystem.

Also los: Stift in die Hand und „Automatisch Schreiben“. Die vielleicht einfachste Kreativ-Übung in diesem Sternensystem. (Foto: Fotolia | Ivan Kruk)

Wenn du googelst, findest du das auch als  „Wildes Schreiben“, „Freies Schreiben“ oder „Assoziatives Schreiben“. „Freewriting“ ist dagegen ein bisschen etwas anderes, und die „Morgenseiten“ auch. Egal: Automatisches Schreiben ist eine mehr als 100 Jahre alte Technik, mit der Psychologen an das Unbewusste ihrer Patienten und Künstler an ihre Kreativität gelangen. Und beides kann für dich nützlich sein.

Ein bisschen Schreib-Geschichte I: Psychologie

Schauen wir uns die Quelle des Automatischen Schreibens an. Das lohnt sich, denn selten genug wird eine solche Technik von einem Franzosen geprägt.  Es geht um den Psychotherapeut Pierre Janet, der schon 1889 Versuche mit Patienten unternahm, die im Halbschlaf, in Trance oder unter Hypnose zu schreiben hatten. Kamen sie in einen Schreibfluss, offenbarten sie mit dem Stift so einiges, was bislang im Unbewussten verschüttet war.

Die Leistung von Pierre Janet wird umso erstaunlicher, da der Übervater aller Psychologie, Sigmund Freud, das Unbewusste überhaupt erst zur damaligen Jahrhundertwende bekannt machte, aber das ist eine andere Geschichte. Jedenfalls wurde Pierre Janes mit dieser Übung nicht nur zum Begründer des Écriture automatique sondern auch der Gründer eines „neuen Systems der dynamischen Psychiatrie“ und sein Werk zu einer der Hauptquellen für Freud, Alfred Adler und C. G. Jung.

Sehr interessant und beachtet war dann im Jahr 1903 der Fall von Daniel Paul Schreber, der Sohn des Erfinders der Schrebergärten (kein Witz!). In diesem Jahr veröffentlichte Schreber nämlich sein Buch „Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken“ – geschrieben hat er es mit der Technik des Automatischen Schreiben. Das Buch enthält Schrebers Sicht auf seine eigene Psychose, geht damit tief in sein Unbewusstes und gilt als umfassende Fallstudie für die nachfolgenden Psychologie-Generationen. Seine Erkrankung hat er wohl seinem Vater, einem Hauptvertreter der „Schwarzen Pädagogik“, zu verdanken der seine Kinder mittels orthopädischer Geräte zu „gesunder Haltung“. Ich weiß allerdings nicht, ob das vor oder nach der Erfindung von Kleingartenanlagen war und wie das miteinander zusammenhängt.

Wie auch immer: Daniel Paul Schreber schrieb das Buch mit der Technik des Automatischen Schreibens – und dieser Vorgang war für ihn so heilsam, dass er die Klinik immerhin für einige Jahre verlassen konnte und sich von seinen Wahnvorstellungen weitgehend befreit hatte. Lediglich am Tragen von Frauenkleidern hielt er noch fest. Leider verstarb Schreber trotzdem an seiner psychischen Erkrankung im Jahr 1911 in der Heilanstalt Dösen. Doch, immerhin: Das Automatische Schreiben hat einen Nervenkranken zu einer literarischen Glanzleistung UND zu psychischer Entlastung verholfen. Na, das ist eine Menge!

Geschichtliches II: die Literatur

Weiter ging es mit dem Automatischen Schreiben dann im Paris. Ein Haufen Surrealisten um Andé Breton stürzte sich in den 1920er-Jahren begeistert auf diese Methode und füllten ganze Bücher mit dem Ergebnis des Écriture automatique. Ich glaube allerdings nicht, dass diese Werke heute noch zur breiten Unterhaltung dienen. Aber die Anweisungen Bretons sind interessant, die er 1924 in sein „Surrealistisches Manifest“ aufnahm:

„Lassen Sie sich etwas zum Schreiben bringen, nachdem Sie es sich irgendwo bequem gemacht haben, wo Sie Ihren Geist so weit wie möglich auf sich selbst konzentrieren können.  Versetzen Sie sich in den passivsten oder den rezeptivsten Zustand, dessen Sie fähig sind. Sehen Sie ganz ab von Ihrer Genialität, von Ihren Talenten und denen aller anderen. Machen Sie sich klar, dass die Schriftstellerei einer der kläglichsten Wege ist, die zu allem und jedem führen. Schreiben Sie schnell, ohne vorgefasstes Thema, schnell genug, um nichts zu behalten, oder um nicht versucht zu sein, zu überlegen. Der erste Satz wird ganz von allein kommen, denn es stimmt wirklich, dass in jedem Augenblick in unserem Bewusstsein ein unbekannter Satz existiert, der nur darauf wartet, ausgesprochen zu werden. (…) Fahren Sie so lange fort, wie Sie Lust haben. Verlassen Sie sich auf die Unerschöpflichkeit des Raunens. Wenn ein Verstummen sich einzustellen droht, weil Sie auch nur den kleinsten Fehler gemacht haben: einen Fehler, könnte man sagen, der darin besteht, dass Sie es an Unaufmerksamkeit haben fehlen lassen – brechen Sie ohne Zögern bei einer zu einleuchtenden Zeile ab. Setzen Sie hinter das Wort, das Ihnen suspekt erscheint, irgendeinen Buchstaben, den Buchstaben l zum Beispiel, immer den Buchstaben l, und stellen Sie die Willkür dadurch wieder her, dass Sie diesen Buchstaben zum Anfangsbuchstaben des folgenden Wortes bestimmen.“

Das klingt komplizierter, als wir das hier behandeln. Und ihr braucht auch keine Angst vor einem Fehler zu haben.

Wie auch immer: Irgendwie ist dann das Automatische Schreiben aus der Psychologie und (zum Glück) auch aus der Literatur weitgehend verschwunden. Und trotzdem hat es diesen Wert heute noch. Falls du mal bei einem guten Psychotherapeuten bist, ist es deshalb nicht unwahrscheinlich, dass er dir das Automatische Schreiben als Hausaufgabe mitgibt.

Aber glaube mir, du musst nicht nervenkrank sein, um aus dem Automatischen Schreiben deinen Nutzen ziehen zu können. Im Gegenteil: Ein gesunder Mensch wie du wird beim Blick in sein Unbewusstes sehr viel Kreativität und vermutlich noch mehr entdecken.

Anleitung zum Automatischen Schreiben

Das Schöne daran ist – wie bei allen wirklich großen Übungen – die Einfachheit. Doch bevor du startest, tue dir einen Gefallen: Nimm dir vor das mal für einige Tage regelmäßig zu üben. Investiere fünf oder zehn Minuten in den nächsten ein bis zwei Wochen. Und urteile erst dann.

Nun geht es los:

  1. Leg ein Stück Papier oder ein hübsches Schulheft oder Moleskine Notizbuch auf den Tisch und nimm einen Stift zur Hand. (So einen richtigen Stift, wie man früher damit geschrieben hat… KEINE Tastatur!)
  2. Stelle am Anfang einen Wecker auf 5 Minuten. Nach einigen Tagen kannst du die Zeit auf 10 Minuten erhöhen. Mehr Zeit ist weder notwendig noch nützlich.
  3. Und nun: Schreib! Möglichst schnell. Versuche, in der kurzen Zeit so viele Wörter aufs Papier zu bringen, wie nur möglich. Schreib, was dir gerade durch den Kopf geht. Wenn du dich fragst, was du schreiben sollst, schreibe, dass du dich fragst, was du schreiben sollst. Denke nicht über Komma-Regeln oder unfertige Sätze nach. Schreib! Los!
  4. Wenn dein Wecker klingelt bist du fertig. Lass den Stift fallen und höre auf zu schreiben. Mache einen Spaziergang, etwas zu Essen oder rauche eine Zigarette. Egal. Hauptsache, du hörst auf zu schreiben. Es ist sinnvoll, nicht gleich wieder in den „produktiven“ Tag einzusteigen. Aber, wenn es nicht anders geht, dann kannst du auch das tun.

Das ist schon alles. Mehr musst du nicht tun. Einmal am Tag hast du einen Termin mit deinem Stift, dem Papier und deinem Wecker. Und danach geht dein bisheriges Leben wieder weiter.

Natürlich sind die Text-Ergebnisse aus literarischer Sicht sehr zweifelhafter Natur. Selbst, wenn du es selbst noch lesen kannst – für die Öffentlichkeit ist das Ergebnis einer solchen Schreib-Explosion wohl nichts. Es gibt keinen Einstieg, keinen roten Faden, nur verdammt viele Wörter und vermutlich eine Menge Fehler. Egal! Denn du hast wieder intensiv deinen Schreibmuskel trainiert. Und du hast deinem kreativen Unbewussten ein Ventil angeboten.

Schreiben, schreiben, schreiben –  dann kommt die Kreativität

Wichtig bei dieser Übung sind Regelmäßigkeit, Umgebung und klare Zeiteinteilung.

  • Eine ungestörte und vielleicht immer gleiche Umgebung hilft dir, dich auf das Schreibmuskeltraining zu konzentrieren. Es wird dir nach kurzer Zeit immer leichter fallen, dich auf das Automatische Schreiben einzulassen.
  • Die Regelmäßigkeit ist wie bei jedem Training ein kluges Erfolgsrezept.
  • Und warum die Zeiteinteilung auf genau 5 oder 10 Minuten? Nun, es gab wohl auch schon Fälle von Schreibern, die sich bei einer zu langen Schreibung für den Rest des Tages „leergeschrieben“ haben. So munkelt man. Ich halte das für Quatsch. Wenn du Lust hast, kannst du nach einigen Tagen auch die Zeit verlängern. Ich selber kenne es, dass erst nach zehn Minuten die wirklich guten Gedanken kommen.

Wie das Automatische Schreiben funktioniert

Noch etwas Hintergrund zur Übung: Durch diese assoziative Übung fällt es dem Gehirn offenbar leicht, die üblichen Gedankensperren (man kann diese als „Wächter“ verbildlichen) zu überwinden. Du machst in dieser Übung mehr oder weniger alles, was man in umfangreicheren Achtsamkeits-Trainings lernt: Du bist voll und ganz „gegenwärtig“, weil du keine Zeit hast, nebenher über das Abendessen oder etwas Anderes nachzudenken. Du fokussierst dein Bewusstsein auf eine einzige Tätigkeit – und bewertest nicht. Das sind drei von vier wesentlichen Voraussetzungen für eine Achtsamkeits-Übung.

Das heißt, du gehst durch das Automatische Schreiben in so etwas wie „Meditation“ – doch du konzentrierst dich nicht auf deinen Atem oder eine Kerze, sondern lässt die Wörter fließen. Der „Wächter“, der streng dein Unbewusstes schützt, entspannt sich und lässt mehr raus, als in einer nicht-meditativen Stimmung. Das wiederum führt dazu, dass du noch tiefer graben kannst und so weiter. Der Begriff „Automatisches Schreiben“ wird wahrer. Vielleicht beginnst du irgendwann zu beobachten, wie ein unbekannter kreativer Teil in dir die Hand steuert, während dein „normales“ Bewusstsein zuschaut.

Ach ja: Nach ein wenig Übung kannst du auch lernen, die Richtung ein wenig zu steuern. Wenn der Schreibkanal frei geputzt ist, kannst du dir vor dem täglichen Schreiben ein Thema vornehmen. „Wohin möchte ich im Winter-Urlaub?“ „Was fällt mir zum Thema Unternehmensgründung ein?“ „Was spricht für einen Umzug nach Berlin?“ Es gibt viele Fragen, die deine Kreativität fordern. Es kann allerdings sein, dass sich dein Schreibmuskel einem solchen Thema verweigert und deine Gedanken in eine andere Richtung abschweifen. Aber selbst, wenn das passiert, hast du wieder etwas gelernt. Richtig?

Probiere es einfach aus. Jeden Tag.

Tools und Hilfen

Hier endet der Artikel – selbst für die nerdigsten Tool-Liebhaber. Denn zum Automatischen Schreiben brauchen wir nur einen Stift und ein Heft oder ein Stück Papier. Technische Hilfen sind sinnlos, ja sogar kontraproduktiv.

Warum üben wir das eigentlich mit einem Stift auf so einem unmodernen Stück Papier? Erstens, weil der Weg zwischen dem Gehirn und dem Stift viel kürzer und direkter ist, als bis zu einem Bildschirm. Zweitens, weil das Schreiben mit Stift die Übung aus dem alltäglichen Getippe, aus dem Schreiben für den Job oder für den Blog heraus katapultiert. Und schließlich, drittens, weil dir die Handschreiberei dir die Möglichkeit gibt, in einem schönen Schreibwarenladen nach einem teuren Kugelschreiber und einem tollen Moleskine Heftchen zu suchen, um darin diese wichtigste aller Schreibübungen zu zelebrieren. Na gut, das können auch schöne Tools sein.

Probiert diese Übung einige Tage lang, es wird funktionieren!

Über uns Eric Kubitz

Eric Kubitz ist einer der beiden Gründer der CONTENTmanufaktur GmbH, gelernter Journalist und begeisterter Autor. In letzter Zeit beschäftigt er sich auch mit Inhalten, die zwischen den Zeilen stehen.

2 Kommentare

  1. Toller Artikel und ein super Tipp! Danke dafür. Ich werde das heute Abend gleich mal testen. Wenn man das in einem extra Schreibheft unterbringt, dann kann man sogar kontrollieren, wie sich seine Fähigkeiten mit der Zeit verbessern. Da bin ich sehr auf die Ergebnisse gespannt.

  2. Interessanter Artikel! Ich habe das gerade ausprobiert und meine ersten 5 Minuten intensiv geschrieben. Die Zeit verging wie im Flug und ich hätte gerne noch mehr geschrieben. Hab ca. eine halbe bis dreiviertel A4-Seite geschafft. Ich bin gespannt, ob es in den kommenden Tagen mehr wird. Und vor allem, ob ich mit mehr Kreativität schreiben werde.

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